Die verlorene Zukunft
Warum wir lieber von gestern träumen
«Wenn es morgens um sechs Uhr an meiner Tür läutet und ich kann sicher sein, dass es der Milchmann ist, dann weiss ich, dass ich in einer Demokratie lebe.»
— Winston Churchill zugeschrieben
Als die Zukunft noch ein Versprechen war
Ich kann mich nicht erinnern, jemals in einer besseren Zeit gelebt zu haben als heute. Wir sind wohlhabender, gesünder, besser ausgebildet und freier als die Generationen vor uns. Krankheiten, die früher einem Todesurteil gleichkamen, sind behandelbar geworden. Das Wissen der Menschheit tragen wir in der Hosentasche. Wir bereisen die Welt, entscheiden über unsere Lebensentwürfe und geniessen Freiheiten, für die unsere Grosseltern noch kämpfen mussten.
Eigentlich müssten wir vor Zuversicht platzen.
Stattdessen haben wir Angst vor morgen.
Was ist da schiefgelaufen? Wie konnte es geschehen, dass ausgerechnet jene Gesellschaften, die so viele der alten Menschheitsträume verwirklicht haben, ihren eigenen Kindern kaum noch eine bessere Zukunft versprechen mögen? – Vielleicht liegt die Antwort ausgerechnet im Erfolg unserer Vorfahren. Sie kannten den Mangel, und sie wussten, was sie überwinden wollten. «Unsere Kinder sollen es einmal besser haben», sagten sie. Es war ein Versprechen, das jeder verstand. Eines, für das man arbeiten, kämpfen und notfalls verzichten konnte. Es war auch ein Versprechen, an dem sich die Politik messen lassen musste.
Und wir? Wir haben so viel erreicht, dass uns offenbar das Ziel abhandengekommen ist. Wir verteidigen unseren Wohlstand, verwalten unsere Errungenschaften und fürchten jeden Verlust. Aber wohin wollen wir eigentlich noch? – Wir haben den Fortschritt nicht verloren. Wir haben vergessen, wofür wir ihn wollten.
Das Geschäft mit der schlechten Nachricht
Jeden Morgen erfahren wir, weshalb die Welt schon wieder ein Stück schlechter geworden ist. Ein Krieg hier, eine Katastrophe dort, dazwischen ein politischer Skandal, eine neue Bedrohung und die nächste düstere Prognose. Kaum haben wir eine Krise begriffen, wird sie von der nächsten verdrängt. Die Welt scheint zu brennen, und wir sitzen davor, scrollen und fühlen uns mit jeder Nachricht ein bisschen hilfloser.
Dabei ist die Wirklichkeit keineswegs so eindeutig, wie ihre tägliche Darstellung vermuten lässt. Es gibt Kriege und Gewalt, aber auch Fortschritte in Medizin, Wissenschaft und Bildung. Es gibt Armut und Ungerechtigkeit, doch ebenso Entwicklungen, die über lange Zeiträume unzähligen Menschen ein besseres Leben ermöglicht haben. Nur eignet sich die langsame Verbesserung menschlicher Lebensbedingungen schlecht für eine Schlagzeile. Eine Katastrophe dagegen funktioniert immer.
Die digitale Aufmerksamkeitsökonomie hat daraus ein Geschäftsmodell gemacht. Angst bindet, Empörung verbreitet sich, Wut erzeugt Reaktionen. Wer uns aufregt, bekommt unsere Aufmerksamkeit. Wer uns beruhigt, verschwindet im Strom der nächsten Meldung. Wir leben in einer Informationsgesellschaft, die uns mit Nachrichten überschüttet, aber erstaunlich wenig dafür tut, dass wir die Welt auch verstehen. Wir wissen von immer mehr Problemen und verlieren dabei den Überblick über das Ganze.
Auch die Politik hat sich diesem Dauerzustand angepasst. Sie reagiert, korrigiert, verwaltet und erklärt uns, weshalb etwas nicht geht. Es werden Sparpakete geschnürt, Reformen angekündigt und unangenehme Entscheidungen als alternativlos bezeichnet. Natürlich müssen Regierungen mit begrenzten Mitteln umgehen. Natürlich kann Politik nicht einfach alle Wünsche erfüllen. Doch wann haben wir zuletzt eine politische Rede gehört, die uns nicht vor allem erklärte, welche Schwierigkeiten vor uns liegen, sondern eine Vorstellung davon vermittelte, wie unsere Gesellschaft in zwanzig oder fünfzig Jahren aussehen könnte?
Wir haben Politiker, die uns die Welt erklären. Aber wer erzählt uns noch, wofür wir sie verändern sollten?
Eine Gesellschaft, der niemand mehr eine glaubwürdige Zukunft anbietet, sucht ihre Antworten irgendwann in der Vergangenheit. Und dort warten bereits diejenigen, die behaupten, den Weg zurück zu kennen.
Die Parteien von gestern und die Gesellschaft von heute
Vielleicht sollten wir uns zunächst fragen, ob unsere politischen Institutionen die Gesellschaft überhaupt noch verstehen, die sie vertreten wollen. Das ist keine Frage nach ihrer demokratischen Legitimation. Es ist die Frage, ob die politische Landkarte, auf der sie sich bewegen, noch mit der Wirklichkeit übereinstimmt.
Unsere Parteiensysteme sind Kinder vergangener Konflikte. Die Politikwissenschaftler Seymour Martin Lipset und Stein Rokkan beschrieben vier klassische gesellschaftliche Gegensätze, aus denen sich grosse Teile der europäischen Parteienlandschaft entwickelten. Kapital gegen Arbeit, Kirche gegen Staat, Stadt gegen Land sowie Zentrum gegen Peripherie. Das waren keine akademischen Konstruktionen. Hinter ihnen standen Menschen, deren wirtschaftliche Existenz, gesellschaftliche Stellung und kulturelle Identität unmittelbar betroffen waren.
Der Arbeiter kämpfte für bessere Löhne und soziale Sicherheit. Der Unternehmer verteidigte seine wirtschaftliche Freiheit. Kirchlich geprägte Gemeinschaften rangen mit dem Staat um gesellschaftlichen Einfluss. Bauern wollten andere politische Antworten als die wachsenden Industriestädte, und regionale Gemeinschaften wehrten sich gegen die Macht zentraler Institutionen. Daraus entstanden Parteien, Gewerkschaften, Verbände und politische Milieus. Man wusste, wo man hingehörte. Oft wusste man sogar, welche Partei die Nachbarn wählten, bevor diese selbst darüber gesprochen hatten.
Diese Welt ist nicht einfach verschwunden, aber sie ist unübersichtlich geworden. Der Industriearbeiter muss keineswegs mehr links wählen. Der Unternehmer kann sich für strengeren Klimaschutz einsetzen. Die junge Akademikerin kann wirtschaftsliberal und gesellschaftlich progressiv sein, während ein schlecht bezahlter Angestellter sozialstaatliche Unterstützung befürwortet und gleichzeitig eine restriktive Migrationspolitik verlangt. Selbst innerhalb einer Familie können politische Überzeugungen entstehen, die kaum noch etwas miteinander gemeinsam haben.
Ronald Inglehart beschrieb bereits vor Jahrzehnten einen Wertewandel von materialistischen Bedürfnissen wie wirtschaftlicher Sicherheit hin zu postmaterialistischen Anliegen wie Selbstbestimmung, Lebensqualität und gesellschaftlicher Teilhabe. Doch auch diese Entwicklung verlief nicht geradlinig. Wirtschaftliche Unsicherheit lässt alte materielle Sorgen zurückkehren, während neue kulturelle und technologische Fragen längst zusätzliche Konflikte geschaffen haben.
Heute streiten wir über fossile und erneuerbare Energien, über Wachstum und Klimaschutz, über biologische Landwirtschaft und industrielle Lebensmittelproduktion, über Datenschutz und künstliche Intelligenz, über Globalisierung und regionale Identität. Wir diskutieren über Migration, Geschlechterrollen, kulturelle Vielfalt und die Grenzen individueller Freiheit. Manche dieser Auseinandersetzungen sind konkrete Sachfragen, andere Ausdruck tiefer gesellschaftlicher Gegensätze. Gemeinsam ist ihnen, dass sie sich nur noch unzureichend auf einer einzigen Achse zwischen links und rechts einordnen lassen.
Und unsere Parteien? Sie tragen noch immer Namen, Traditionen und Selbstbilder aus jener Zeit, in der sich gesellschaftliche Gruppen vergleichsweise eindeutig unterscheiden liessen. Sie versuchen, neue Themen in alte Programme einzubauen und möglichst viele unterschiedliche Interessen unter einem Dach zu versammeln. Heraus kommen gelegentlich politische Konstruktionen, die zwar für fast jedes Problem eine Position anbieten, aber kaum noch erkennen lassen, wofür die Partei eigentlich steht.
Man könnte es böse formulieren. Unsere Volksparteien haben das Kompromisseschliessen zur politischen Kunstform erhoben. Sie verhandeln, vertagen, verwässern und wundern sich anschliessend, weshalb ihnen niemand mehr begeistert folgt. Wer sein politisches Programm darauf reduziert, möglichst niemanden zu verärgern, darf sich nicht wundern, wenn er am Ende auch niemanden mehr begeistert.
Das ist zugespitzt und wird der schwierigen Arbeit demokratischer Politik nicht vollständig gerecht. Kompromisse sind unverzichtbar, und unterschiedliche Interessen unter einen Hut zu bringen ist keine Schwäche, sondern eine ihrer wichtigsten Leistungen. Aber ein Kompromiss ist noch keine Vision. Er erklärt, worauf man sich einigen konnte. Nicht unbedingt, wohin man gemeinsam will.
Vielleicht ist die grösste Schwäche unserer Volksparteien deshalb nicht, dass sie zu wenig Lösungen haben. Sondern dass sie selbst nicht mehr an eine Zukunft glauben, die wesentlich anders aussehen könnte als unsere Gegenwart.
Alles ist möglich. Wirklich alles?
In diese Leerstelle stossen politische Bewegungen, die etwas anbieten, das den etablierten Parteien zunehmend abhandengekommen ist. Sie erzählen wieder grosse Geschichten. Von Stärke, Ordnung, Selbstbestimmung, nationaler Grösse und einer Gesellschaft, in der angeblich alles wieder seinen richtigen Platz finden wird.
Die AfD warb im Landtagswahlkampf 2026 in Sachsen-Anhalt mit dem Slogan «Alles ist möglich». Vier Worte. Mehr braucht es nicht, um aus der politischen Wirklichkeit auszubrechen. Während Regierungsparteien erklären müssen, weshalb das Geld knapp ist, die Wirtschaft schwächelt und bestimmte Wünsche nicht erfüllt werden können, stellt die Opposition ein grenzenloses Versprechen in den Raum.
Natürlich ist nicht alles möglich. Es gibt wirtschaftliche Zwänge, internationale Abhängigkeiten, gesellschaftliche Widersprüche und naturwissenschaftliche Grenzen. Aber wer will das hören, wenn ihm gerade jemand verspricht, dass sich alle Schwierigkeiten überwinden lassen?
Das Erstaunliche ist, dass die Überprüfbarkeit solcher Versprechen für ihre Wirkung nicht unbedingt entscheidend ist. Vielleicht gilt sogar das Gegenteil. Je grösser die Enttäuschung über die etablierten Parteien, desto verführerischer erscheint ein Versprechen, das sich um die Grenzen der Wirklichkeit wenig kümmert.
Warum sollte man den bisherigen politischen Kräften vertrauen, wenn auch sie ihre Zusagen nicht einhalten? Der Kurswechsel von Friedrich Merz in der deutschen Schuldenpolitik zeigt, wie rasch selbst begründbare politische Entscheidungen das Vertrauen beschädigen können, wenn sie früheren Wahlversprechen widersprechen. Aus der Sicht enttäuschter Wähler scheint dann nur noch die Frage zu bleiben, weshalb sie ausgerechnet jenen glauben sollten, die sie bereits enttäuscht haben.
Hier beginnt eine gefährliche Verschiebung. Nicht mehr die Glaubwürdigkeit eines Versprechens entscheidet über seine Attraktivität, sondern das Gefühl, das es auslöst. Hoffnung wird zur Ware, Enttäuschung zum politischen Kapital.
Und zum grossen Versprechen gehört häufig ein Schuldiger. Denn wenn alles möglich sein soll, muss jemand dafür verantwortlich sein, dass es bisher nicht gelungen ist. Mal sind es die Migranten, mal die politischen Eliten, die Klimaaktivisten oder vermeintliche Kriegstreiber. Antisemitische Verschwörungserzählungen greifen auf das alte Feindbild der Juden zurück. Aus komplexen wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Entwicklungen werden Geschichten über Menschen, die angeblich nur aus dem Weg geräumt werden müssen.
Damit ist nicht jede Kritik an Migration, Klimapolitik oder staatlichem Handeln gemeint. Solche Auseinandersetzungen sind notwendig und gehören zu einer lebendigen Demokratie. Gefährlich wird es dort, wo aus Kritik pauschale Schuldzuweisung und aus politischen Gegnern Feinde werden. Wer überzeugt ist, die Schuldigen bereits zu kennen, muss sich mit den eigentlichen Ursachen nicht mehr beschäftigen.
Die einfache Antwort löst kein Problem. Aber sie erspart zunächst die Anstrengung, es zu verstehen.
Die Sehnsucht nach dem starken Mann
Die Suche nach einer verlorenen Ordnung beschränkt sich längst nicht mehr auf die Politik. Sie hat unsere privaten Beziehungen erreicht, unsere Vorstellungen von Liebe, Erfolg und persönlichem Wert. Besonders deutlich zeigt sich das in Teilen der sogenannten Manosphere, jener digitalen Welt, in der selbsternannte Experten erklären, was einen richtigen Mann ausmacht und weshalb die moderne Gesellschaft angeblich aus dem Gleichgewicht geraten sei.
Andrew Tate, Rollo Tomassi oder Hannah Pearl Davis erreichen mit ihren Botschaften ein grosses Publikum. Jordan Peterson vertritt eine anders gelagerte, stärker psychologische und kulturkritische Perspektive, findet mit seinen Überlegungen über Ordnung, Verantwortung und Geschlechterunterschiede aber ebenfalls Resonanz in Teilen dieser Milieus. Die Positionen dieser Persönlichkeiten unterscheiden sich erheblich. Doch sie beschäftigen sich auf unterschiedliche Weise mit einer Frage, auf die unsere Gesellschaft offenbar keine allgemein überzeugende Antwort mehr kennt. Was bedeutet es heute eigentlich, ein Mann zu sein?
Früher schien die Antwort einfach. Der Mann sollte seine Familie ernähren, sie beschützen und die wichtigen Entscheidungen treffen. Die Frau kümmerte sich um Haushalt und Kinder. Eine überschaubare Ordnung, zumindest für jene, die von ihr profitierten. Dass Frauen wirtschaftlich abhängig waren, ihnen berufliche Möglichkeiten fehlten und sie gesellschaftlich benachteiligt wurden, gehörte ebenfalls zu dieser Ordnung. Aber sie verlieh Männern einen scheinbar selbstverständlichen Platz im Leben.
Die Emanzipation hat diese Verhältnisse grundlegend verändert. Frauen gewannen Rechte, wirtschaftliche Unabhängigkeit und die Freiheit, ihre Lebensentwürfe selbst zu gestalten. Das war ein historischer Fortschritt. Doch während sich die Rolle der Frau veränderte, blieb die Frage nach einem neuen Selbstverständnis des Mannes erstaunlich oft unbeantwortet. Manche Männer erleben diese Entwicklung als Befreiung von alten Erwartungen. Andere empfinden sie als Verlust von Bedeutung und Orientierung.
Genau hier setzt ein Teil der Manosphere an. Sie verspricht, den verunsicherten Mann wieder zu einem richtigen Mann zu machen. Er soll stärker, erfolgreicher, dominanter und begehrenswerter werden. Die Welt wird zu einer Rangordnung erklärt, in der es Gewinner und Verlierer gibt. Oben stehen die Alphas, darunter die Betas. Der Sigma gilt als unabhängiger Einzelgänger, der «Chad» als Inbegriff männlicher Attraktivität. Der sogenannte «High-value Man» besitzt einen hohen Marktwert. Wer nicht mithalten kann, gehört zu den Verlierern.
Wie weit diese Vorstellung führen kann, zeigen extreme Auswüchse der Looksmaxxing-Kultur. Beim gefährlichen «Bonesmashing» versuchen Einzelne, durch Schläge auf ihre Gesichtsknochen ein vermeintlich männlicheres Aussehen zu erreichen. Man muss sich das einmal vorstellen. Junge Männer verletzen sich, um einem Ideal zu entsprechen, das ihnen andere Männer im Internet als Voraussetzung für Anerkennung verkaufen.
Ausgerechnet jene, die den Männern ihre verlorene Stärke zurückgeben wollen, machen sie abhängig von einem immer engeren Bild dessen, was ein Mann angeblich sein muss.
Wenn die Liebe zum Wettbewerb wird
Stellen wir uns einen jungen Mann vor, der auf seinem Smartphone durch die Profile fremder Frauen wischt. Er sucht eine Beziehung. Was er findet, ist ein Wettbewerb, den er nicht zu gewinnen glaubt.
Irgendwann stösst er auf eine Erklärung. Achtzig Prozent aller Frauen, so wird ihm erzählt, interessierten sich ohnehin nur für die attraktivsten zwanzig Prozent der Männer. Er gehört offenbar nicht dazu. Endlich versteht er, weshalb es mit der Liebe nicht klappt. Er hat nicht einfach Pech gehabt oder die Falsche angesprochen. Er ist Opfer eines Systems.
Die sogenannte 80/20-Regel kursiert in Teilen der Manosphere als vermeintlich wissenschaftliche Erklärung menschlicher Anziehung. Tatsächlich ist sie keine allgemeingültige Gesetzmässigkeit. Die vereinfachten Beobachtungen aus dem Online-Dating lassen sich nicht ohne Weiteres auf menschliche Beziehungen insgesamt übertragen. Aber das ist für ihre Anhänger oft nebensächlich. Die Formel liefert eine Erklärung für persönliche Enttäuschungen und befreit gleichzeitig von der unangenehmen Möglichkeit, dass Beziehungen von weit mehr abhängen als von einer vermeintlich objektiven Rangordnung.
Und schon stehen sie bereit, die selbsternannten Experten für Männlichkeit. Sie erklären, wie man ein Alpha wird, seinen Marktwert steigert und die Frauen endlich verstehen lernt. Die einen verkaufen Kurse, die anderen eine Ideologie. Manche beides.
Aus Liebeskummer wird eine Weltanschauung. Und aus der Einsamkeit eines jungen Mannes ein Geschäftsmodell.
Bemerkenswert ist die wirtschaftliche Sprache, in der menschliche Beziehungen dabei verhandelt werden. Menschen besitzen einen Marktwert, Aufmerksamkeit wird zur knappen Ressource, Partnersuche zum Wettbewerb. Die eigene Persönlichkeit verwandelt sich in ein Produkt, das optimiert werden muss. Dating-Plattformen begünstigen mit ihren Profilbildern und schnellen Auswahlentscheidungen eine solche Betrachtungsweise, auch wenn sie menschliche Beziehungen keineswegs vollständig bestimmen. Wer sich daran gewöhnt, andere Menschen innerhalb weniger Sekunden zu beurteilen, kann leicht vergessen, dass Anziehung, Zuneigung und Liebe nicht nach den Regeln eines Warenmarktes funktionieren.
Wir haben traditionelle gesellschaftliche Rangordnungen mühsam überwunden, nur um uns in digitalen Milieus neue Hierarchien zu schaffen, in denen Menschen nach ihrem vermeintlichen Wert sortiert werden. Und ausgerechnet jene, die sich nach Liebe und Anerkennung sehnen, lernen, den anderen zuerst als Konkurrenten auf einem Markt zu betrachten.
Der imaginäre Kuchen zwischen Männern und Frauen
Auch die Frauenbewegung steht vor veränderten Herausforderungen. Ihre historischen Erfolge sind unbestreitbar. Frauen haben sich Rechte und Freiheiten erkämpft, die ihnen über Jahrhunderte vorenthalten wurden. Sie können wirtschaftlich unabhängig sein, berufliche Verantwortung übernehmen und eigene Lebensentwürfe verfolgen. Dennoch sind die Fragen von heute nicht mehr dieselben wie jene der frühen Emanzipationsbewegungen.
Die Gleichstellung ist keineswegs vollendet. Lohnunterschiede, unbezahlte Sorgearbeit, Gewalt und strukturelle Benachteiligungen bleiben gesellschaftliche Probleme. Doch zugleich stellt sich eine Frage, die im Kampf um den Zugang zu männlich dominierten Institutionen leicht in den Hintergrund geriet. War das eigentliche Ziel, dass Frauen dieselben Positionen erreichen wie Männer und sich dafür denselben Regeln unterwerfen müssen? Oder müsste Gleichberechtigung nicht auch bedeuten, diese Regeln grundsätzlich zu überdenken?
Frauen haben gelernt, sich in einer Arbeitswelt zu behaupten, die Konkurrenz, Durchsetzungsvermögen, Leistungsbereitschaft und ständige Verfügbarkeit belohnt. Aber was haben wir gewonnen, wenn am Ende beide Geschlechter unter denselben Erwartungen leiden? Wenn die Frau Karriere machen soll wie ein Mann und der Mann gleichzeitig einfühlsamer, fürsorglicher und partnerschaftlicher werden soll, könnte man durchaus fragen, ob wir die Rollen wirklich neu gestaltet oder lediglich die Anforderungen an beide erhöht haben.
Mitunter entsteht der Eindruck, als gäbe es zwischen Männern und Frauen einen begrenzten Kuchen zu verteilen. Mehr Macht für die Frau bedeutet dann scheinbar weniger Bedeutung für den Mann. Mehr Freiheit für die einen erscheint als Verlust für die anderen. Dabei ist Gleichberechtigung kein Nullsummenspiel. Eine selbstbestimmte Frau nimmt einem Mann nicht seine Würde. Und ein Mann verliert nichts von seinem Wert, wenn er nicht mehr über eine Frau bestimmen kann.
Trotzdem scheinen sich in manchen gesellschaftlichen Milieus die Fronten zu verhärten. Einige Männer wissen nicht mehr recht, wie sie Frauen ansprechen sollen, ohne etwas falsch zu machen. Manche Frauen betrachten männliche Annäherungsversuche vor dem Hintergrund eigener Erfahrungen mit Übergriffen oder Grenzverletzungen mit Vorsicht. Beides lässt sich nicht einfach gleichsetzen, doch beide Erfahrungen beeinflussen das gegenseitige Vertrauen. Wenn daraus pauschale Vorstellungen über das andere Geschlecht werden, verwandelt sich die Begegnung zwischen zwei Menschen in eine Auseinandersetzung zwischen gesellschaftlichen Kategorien.
Auch die sogenannte Tradwife-Bewegung gehört in dieses Bild. Frauen inszenieren oder leben bewusst traditionelle Familienmodelle, in denen der Mann überwiegend für den Lebensunterhalt sorgt und die Frau ihre Erfüllung stärker in Haushalt, Kindern und Partnerschaft sucht. Daran ist zunächst nichts auszusetzen. Emanzipation muss auch die Freiheit einschliessen, sich freiwillig für eine traditionelle Rollenverteilung zu entscheiden. Doch wer daraus ein allgemeines Ideal macht und andere Lebensentwürfe als widernatürlich oder minderwertig darstellt, verwandelt persönliche Freiheit erneut in gesellschaftlichen Zwang.
Die Vergangenheit, auf die sich solche Bewegungen beziehen, ist ohnehin sorgfältig zurechtgeschnitten. Man erinnert sich an Geborgenheit, klare Rollen und überschaubare Verhältnisse. Die wirtschaftliche Abhängigkeit vieler Frauen, ihre eingeschränkten Rechte und die fehlenden beruflichen Möglichkeiten verschwinden aus dem romantischen Bild. Nostalgie ist eine eigenartige Form der Erinnerung. Sie bewahrt die Geborgenheit und vergisst, welchen Preis andere dafür bezahlen mussten.
Vielleicht liegt hinter dieser Sehnsucht aber mehr als der Wunsch nach alten Machtverhältnissen. Vielleicht sehnen sich Menschen schlicht nach Verlässlichkeit, Zugehörigkeit und einem Leben, in dem nicht ständig alles verhandelt, optimiert und neu erfunden werden muss. Wir haben für immer mehr individuelle Freiheit gekämpft. Und nun entdecken manche Menschen die Begrenzung dieser Freiheit als vermeintliche Erlösung.
Die Demokratie ohne Zukunftserzählung
Es wäre zu einfach, all diese Entwicklungen als Ausdruck einer allgemeinen gesellschaftlichen Radikalisierung zu betrachten. Vielleicht liegt das Problem tiefer. Unsere demokratischen Institutionen funktionieren in vielerlei Hinsicht weiterhin, aber ihr gesellschaftliches Versprechen hat an Überzeugungskraft verloren.
Die liberale Demokratie schützt individuelle Rechte, begrenzt staatliche Macht und ermöglicht einen friedlichen Wechsel politischer Mehrheiten. Das sind gewaltige Errungenschaften. Doch eine Demokratie kann nicht allein davon leben, dass sie besser ist als ihre Alternativen. Wenn ihre Verteidiger nur noch erklären, weshalb alles andere schlimmer wäre, verwandeln sie sie in eine Ordnung, die man mangels besserer Möglichkeiten hinnehmen soll.
Wer begeistert sich schon für das kleinere Übel?
Die demokratische Mitte ist zu einem politischen Raum geworden, in dem man sich auf das Machbare verständigt, ohne immer sagen zu können, wofür man es eigentlich macht. Sie muss widersprüchliche Interessen ausgleichen, Mehrheiten organisieren und Entscheidungen verantworten. Doch während sie verhandelt, entstehen anderswo neue politische Gemeinschaften, die nicht vom Kompromiss leben, sondern von der Gewissheit, im Besitz der Wahrheit zu sein.
Wenn Menschen den Eindruck gewinnen, dass ihre Sorgen, Hoffnungen und Widersprüche im Parteiensystem nicht mehr vorkommen, suchen sie andere Orte der Zugehörigkeit. Politische Bewegungen, digitale Gemeinschaften und ideologische Milieus bieten ihnen eine Sprache, in der sie ihre Erfahrungen wiedererkennen. Man muss diese Angebote nicht gutheissen, um zu verstehen, weshalb sie attraktiv werden können.
Die Demokratie gerät dadurch in eine gefährliche Lage. Ihre Stärke, unterschiedliche Interessen friedlich miteinander zu verbinden, erscheint plötzlich als Schwäche. Das geduldige Aushandeln von Lösungen wird als Unentschlossenheit betrachtet, die Bereitschaft zum Kompromiss als Verrat. Autoritäre Versprechen gewinnen an Anziehungskraft, weil sie Entschlossenheit dort anbieten, wo demokratische Verfahren kompliziert und langwierig wirken.
Doch Demokratie ist mehr als die Abwesenheit staatlicher Willkür. Sie muss Menschen auch das Vertrauen geben, dass sie gemeinsam Einfluss auf ihre Zukunft nehmen können. Wenn dieses Vertrauen schwindet, genügt es nicht mehr, ihre Institutionen zu verteidigen. Dann muss sie auch ihre gesellschaftliche Bedeutung neu erklären können.
Die Einsamkeit der vernetzten Gesellschaft
Die politischen Parteien sind nicht die einzigen Institutionen, deren Bindungskraft nachgelassen hat. Auch Kirchen, Gewerkschaften, Vereine und traditionelle Gemeinschaften verlieren in vielen westlichen Gesellschaften an Bedeutung. Über Generationen hinweg vermittelten sie Zugehörigkeit, Orientierung und eine gemeinsame Vorstellung von richtig und falsch. Sie boten nicht nur Antworten, sondern auch Orte, an denen Menschen einander begegneten.
Ihr Bedeutungsverlust hat gute und weniger gute Gründe. Viele Menschen haben sich von überkommenen Autoritäten befreit, gesellschaftliche Abhängigkeiten überwunden und neue Freiheiten gewonnen. Kirchen und andere Institutionen haben durch eigene Verfehlungen Vertrauen verspielt. Doch mit ihrem Rückzug verschwinden die Bedürfnisse nicht, auf die sie einst Antworten gaben.
Menschen suchen weiterhin nach Gemeinschaft, Anerkennung und einem Sinn, der über den eigenen Alltag hinausreicht. Nur finden sie diese Dinge heute zunehmend anderswo. In digitalen Gemeinschaften, politischen Bewegungen, kulturellen Milieus und Gruppen, die sich über eine gemeinsame Identität definieren. Dort begegnen sie Gleichgesinnten, erhalten Bestätigung und erleben Zugehörigkeit.
Das kann bereichernd sein. Es kann aber auch dazu führen, dass Menschen sich immer stärker in Gemeinschaften bewegen, die vor allem ihre bereits bestehenden Überzeugungen bestätigen. Die eigene Gruppe wird zum Massstab der Wirklichkeit, während andere Perspektiven zunehmend als Bedrohung erscheinen.
Wir haben die Welt miteinander vernetzt und wundern uns nun, weshalb so viele Menschen sich einsam fühlen.
Vielleicht haben wir Vernetzung mit Gemeinschaft verwechselt. Das eine lässt sich technisch herstellen. Das andere müssen Menschen miteinander leben.
Der Kapitalismus und sein erschöpftes Versprechen
Über Jahrzehnte beruhte das gesellschaftliche Fortschrittsversprechen auf einer scheinbar einfachen Rechnung. Wirtschaftliches Wachstum schafft Wohlstand, Wohlstand ermöglicht sozialen Aufstieg, und jede Generation kann sich mehr leisten als die vorherige.
Diese Rechnung ist nicht falsch. Die marktwirtschaftliche Entwicklung hat gemeinsam mit wissenschaftlichem Fortschritt, öffentlichen Institutionen und sozialen Sicherungssystemen zu einer historischen Verbesserung der Lebensbedingungen beigetragen. Doch das Versprechen verliert an Überzeugungskraft, wenn bezahlbarer Wohnraum knapp bleibt, berufliche Sicherheit schwindet und selbst Menschen mit guten Einkommen sich vor dem sozialen Abstieg fürchten.
Gleichzeitig hat unser Wirtschaftsmodell eine bemerkenswerte Fähigkeit entwickelt, ständig neue Bedürfnisse zu erzeugen. Wir sollen mehr konsumieren, produktiver arbeiten, effizienter werden, uns weiterbilden und unsere Persönlichkeit optimieren. Kaum ist ein Wunsch erfüllt, wartet bereits der nächste.
Der Kapitalismus hat uns einen Wohlstand beschert, von dem unsere Vorfahren nur träumen konnten. Und nun muss er uns täglich erklären, weshalb wir noch mehr brauchen.
Vielleicht ist das nicht nur ein wirtschaftliches, sondern vor allem ein kulturelles Problem. Wachstum kann notwendig und sinnvoll sein. Innovation schafft neue Möglichkeiten, Wettbewerb kann Fortschritt fördern. Doch wirtschaftlicher Erfolg beantwortet nicht die Frage, was ein gutes Leben ausmacht. Mehr Wohlstand bedeutet nicht automatisch mehr Zufriedenheit. Mehr Auswahl ist nicht zwangsläufig mehr Freiheit, und mehr Konsum schafft nicht unbedingt mehr Sinn.
Hinzu kommen ökologische Grenzen, die unsere bisherigen Vorstellungen unbegrenzten materiellen Wachstums infrage stellen. Wir wissen inzwischen, dass nicht jede Form wirtschaftlicher Expansion ohne Folgen bleibt. Trotzdem erscheint die Vorstellung einer Gesellschaft, die ihren Erfolg nicht vor allem an ständig steigenden wirtschaftlichen Kennzahlen misst, vielen noch immer beinahe undenkbar.
Vielleicht haben wir den Zweck und die Mittel verwechselt. Wir wollten wirtschaftlichen Fortschritt, um besser leben zu können. Nun organisieren wir unser Leben zunehmend so, dass die Wirtschaft weiter wachsen kann.
Die Freiheit und ihre Zumutungen
Die moderne Gesellschaft hat den Menschen aus vielen traditionellen Bindungen befreit. Herkunft, Religion, Geschlecht und gesellschaftlicher Stand bestimmen unser Leben heute weit weniger als früher. Wir können unseren Beruf wählen, unsere Partnerschaften gestalten, Überzeugungen ändern und persönliche Lebensentwürfe immer wieder neu definieren.
Das ist ein gewaltiger Fortschritt. Aber er hat eine merkwürdige Nebenwirkung.
Wo früher gesellschaftliche Erwartungen den Lebensweg vorgaben, muss der Einzelne heute immer mehr Entscheidungen selbst treffen. Er soll wissen, wer er sein möchte, welche Werte er vertritt, welchen Beruf er ausüben will, wie er seine Beziehungen gestaltet und worin er seinen Lebenssinn findet. Und wenn das alles nicht gelingt, erscheint das Scheitern schnell als persönliches Versagen.
Du kannst alles werden. Also mach etwas aus dir.
Du bist frei. Also bist du selbst verantwortlich.
Du hast unzählige Möglichkeiten. Also entscheide dich gefälligst für die richtigen.
Aus Freiheit wird eine Verpflichtung zur erfolgreichen Selbstgestaltung. Wer den eigenen Platz im Leben nicht findet, muss sich nicht mehr nur mit seinem Unglück auseinandersetzen, sondern auch mit dem Verdacht, selbst daran schuld zu sein.
Vielleicht erklärt das einen Teil der Sehnsucht nach starken Führungspersönlichkeiten, traditionellen Rollenbildern und eindeutigen Weltanschauungen. Sie versprechen, den Menschen von der Last dauernder Selbstbestimmung zu befreien. Nicht indem sie ihm mehr Möglichkeiten eröffnen, sondern indem sie die Zahl der Möglichkeiten reduzieren.
Wer sich von seiner Freiheit überfordert fühlt, kann beginnen, die eigene Unfreiheit als Erlösung zu betrachten.
Die Maschinen werden schneller. Wir nicht.
Während wir noch darüber streiten, wie Männer und Frauen zusammenleben sollen, welche gesellschaftlichen Werte gelten und welche Aufgaben die Politik eigentlich erfüllen muss, verändert sich im Hintergrund bereits die Grundlage unserer gesamten Lebensweise. Die technologische Entwicklung nimmt auf unsere gesellschaftlichen Befindlichkeiten wenig Rücksicht. Sie wartet nicht darauf, bis wir unsere Konflikte gelöst haben.
Das hat sie noch nie getan. Die Industrialisierung veränderte die Arbeitswelt lange bevor soziale Sicherungssysteme entstanden. Maschinen ersetzten menschliche Arbeit, neue wirtschaftliche Machtzentren bildeten sich, ganze Bevölkerungsgruppen wurden aus ihren bisherigen Lebensverhältnissen gerissen. Erst Jahrzehnte später entstanden jene arbeitsrechtlichen und sozialstaatlichen Institutionen, mit denen die Gesellschaft versuchte, die Folgen dieser Entwicklung zu bewältigen.
Heute erleben wir möglicherweise einen Umbruch von vergleichbarer Tragweite. Nur geschieht er schneller, umfassender und zunehmend ausserhalb jener politischen Strukturen, mit denen wir gelernt haben, gesellschaftliche Veränderungen zu gestalten.
Technologische Innovation folgt anderen Gesetzmässigkeiten als gesellschaftlicher Fortschritt. Unternehmen entwickeln neue Produkte, weil sie wirtschaftliche Chancen erkennen, wissenschaftliche Erkenntnisse nutzen und sich Vorteile gegenüber Konkurrenten verschaffen wollen. Wer zuerst handelt, gewinnt möglicherweise einen entscheidenden Vorsprung. Demokratische Gesellschaften dagegen müssen Interessen abwägen, Risiken beurteilen, öffentliche Diskussionen führen und Regeln entwickeln. Das braucht Zeit.
Die Technik schafft Tatsachen. Die Gesellschaft versucht anschliessend, mit ihnen zurechtzukommen.
Das klingt zunächst nach einem unvermeidlichen Begleitproblem des Fortschritts. Doch die gegenwärtige Entwicklung besitzt eine neue Qualität. Digitale Technologien verändern nicht mehr nur, wie wir arbeiten oder produzieren. Sie beeinflussen zunehmend, welche Informationen wir erhalten, wie wir miteinander kommunizieren, welche Entscheidungen wir treffen und wie wir unsere Umwelt wahrnehmen.
Damit geraten Bereiche des menschlichen Lebens unter technischen Einfluss, die bislang als Grundlage unserer persönlichen und gesellschaftlichen Selbstbestimmung galten.
Die neue Macht der wenigen
Das Internet galt einst als grosse Verheissung einer demokratisierten Welt. Wissen sollte frei zugänglich werden, jeder Mensch eine Stimme erhalten, traditionelle Machtstrukturen sollten ihre Kontrolle über Informationen verlieren. Vieles davon ist tatsächlich Wirklichkeit geworden. Noch nie konnten so viele Menschen so einfach publizieren, kommunizieren, lernen oder wirtschaftlich tätig werden.
Und doch ist aus diesem Versprechen eine bemerkenswerte Machtkonzentration entstanden.
Einige wenige Unternehmen kontrollieren zentrale digitale Plattformen, über die Milliarden Menschen miteinander kommunizieren, Informationen beziehen, Geschäfte abwickeln und ihre sozialen Beziehungen pflegen. Ihre Macht beruht nicht nur auf Kapital, sondern auf Daten, technischer Infrastruktur und Netzwerkeffekten. Wer bereits einen grossen Teil des Marktes beherrscht, kann seine Position weiter ausbauen, weil neue Nutzer gerade dorthin gehen, wo alle anderen schon sind.
Mit künstlicher Intelligenz verschärft sich diese Entwicklung möglicherweise weiter. Die leistungsfähigsten Systeme benötigen enorme Rechenkapazitäten, spezialisierte Halbleiter, grosse Datenbestände und Milliardeninvestitionen. Nur wenige Unternehmen verfügen über die Mittel, solche Systeme im grossen Massstab zu entwickeln und zu betreiben.
Wir hielten das Internet für die grösste Demokratisierung des Wissens seit der Erfindung des Buchdrucks. Jetzt müssen wir feststellen, dass wenige Unternehmen erheblichen Einfluss darauf besitzen, welche Wirklichkeit Milliarden Menschen täglich zu Gesicht bekommen.
Diese Macht ist nicht notwendigerweise Ausdruck böser Absichten. Sie entsteht teilweise aus wirtschaftlichen Gesetzmässigkeiten und technischen Strukturen. Aber ihre gesellschaftlichen Folgen sind deshalb nicht weniger bedeutsam. Denn wenn private Unternehmen über zentrale Voraussetzungen unseres wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Lebens bestimmen, stellt sich die Frage, wie diese Macht kontrolliert werden soll.
Wirtschaftlicher Erfolg verleiht noch keine demokratische Legitimation.
Wer kontrolliert unsere Wahrnehmung?
Noch beunruhigender als die Konzentration wirtschaftlicher Macht ist die Möglichkeit, menschliche Wahrnehmung gezielt zu beeinflussen. Früher entschieden Redaktionen, Verlage und Rundfunkanstalten darüber, welche Informationen ein breites Publikum erreichten. Auch sie waren keineswegs frei von politischen und wirtschaftlichen Interessen. Doch ihre Verantwortung war zumindest in einem gewissen Umfang erkennbar.
Heute bestimmen algorithmische Systeme, was wir auf vielen digitalen Plattformen zu sehen bekommen. Sie analysieren unser Verhalten, erkennen Vorlieben und präsentieren Inhalte, die uns möglichst lange beschäftigen sollen. Nicht zwangsläufig jene, die besonders wahr, relevant oder hilfreich sind, sondern häufig solche, die unsere Aufmerksamkeit binden.
Wer sich empört, bekommt neuen Anlass zur Empörung. Wer Angst hat, begegnet weiteren Bedrohungen. Wer sich als Verlierer fühlt, kann immer wieder Erklärungen erhalten, weshalb andere für sein Unglück verantwortlich seien.
Die Plattform muss diese Überzeugungen nicht selbst teilen. Es genügt, wenn entsprechende Inhalte Aufmerksamkeit erzeugen und sich wirtschaftlich lohnen.
Mit künstlicher Intelligenz könnten solche Mechanismen noch wirksamer werden. Systeme können sprachliche Muster erkennen, individuelle Interessen berücksichtigen und Botschaften in zahllosen Varianten erzeugen. Dieselben Fähigkeiten, die uns beim Lernen, Arbeiten und Verstehen helfen, lassen sich auch einsetzen, um Menschen gezielt zu beeinflussen oder zu täuschen.
Wir haben Maschinen entwickelt, die unsere Wünsche immer genauer erkennen können. Aber wer entscheidet, welche Wünsche sie in uns wecken sollen?
Für die Demokratie entsteht daraus eine Herausforderung, die weit über falsche Nachrichten hinausgeht. Wenn Menschen zunehmend in unterschiedlichen Informationswelten leben, fehlt ihnen irgendwann die gemeinsame Grundlage, auf der sie ihre Meinungsverschiedenheiten austragen könnten.
Eine Demokratie kann unterschiedliche Meinungen aushalten. Sie gerät jedoch in Schwierigkeiten, wenn ihre Bürger nicht einmal mehr darüber einig sind, was überhaupt geschehen ist.
Die Freiheit der Abhängigen
Neben wirtschaftlicher Macht und gezielter Beeinflussung entsteht eine weitere Entwicklung, die wir im Alltag kaum bemerken. Wir werden immer abhängiger von Systemen, deren Funktionsweise wir nicht verstehen und auf die wir immer weniger verzichten können.
Wir überlassen Navigationssystemen unsere Orientierung, digitalen Diensten unsere Erinnerungen, Plattformen unsere Kommunikation und zunehmend künstlicher Intelligenz einen Teil unserer geistigen Arbeit. Das ist bequem, oft sinnvoll und kann uns von mühsamen Aufgaben befreien. Doch jede Erleichterung verändert auch unser Verhältnis zu den Fähigkeiten, die wir nicht mehr selbst benötigen.
Natürlich muss das kein Verlust sein. Der Mensch hat schon immer Werkzeuge entwickelt, die ihm Arbeit abnehmen. Niemand würde ernsthaft behaupten, dass wir schlechter leben, weil wir nicht mehr jede mathematische Berechnung von Hand durchführen müssen. Entscheidend ist aber, ob die gewonnenen Möglichkeiten unsere Selbstbestimmung erweitern oder ob wir immer weniger in der Lage sind, unabhängig von den entsprechenden Systemen zu handeln.
Noch bedeutsamer ist die Abhängigkeit ganzer Gesellschaften. Unternehmen, Verwaltungen, Verkehrssysteme, Energieversorgung und Kommunikationsnetze beruhen zunehmend auf komplexen digitalen Infrastrukturen. Werden diese gestört, manipuliert oder entzogen, können die Folgen weit über den unmittelbar betroffenen Bereich hinausreichen.
Wir können immer mehr tun. Aber immer weniger davon unabhängig.
Das ist eine eigentümliche Form des Fortschritts. Unsere Handlungsmöglichkeiten wachsen, während die Kontrolle über ihre Voraussetzungen zunehmend bei anderen liegt.
Und wer hat uns eigentlich gefragt?
Vielleicht ist das die entscheidende Frage der technologischen Entwicklung. Wer bestimmt, wohin sie führt?
Wir sprechen über künstliche Intelligenz häufig, als handle es sich um ein Naturereignis. Sie kommt, verändert die Arbeitswelt, ersetzt bestimmte Tätigkeiten und schafft neue Möglichkeiten. Wir können versuchen, uns darauf vorzubereiten, aber die grundsätzliche Richtung scheint vorgegeben.
Dabei ist Technik keineswegs unabhängig von menschlichen Entscheidungen. Welche Forschung finanziert wird, welche Produkte entwickelt werden, welche Geschäftsmodelle sich durchsetzen und welche Risiken akzeptiert werden, hängt von wirtschaftlichen Interessen, politischen Rahmenbedingungen und gesellschaftlichen Wertvorstellungen ab.
Es ist nicht gleichgültig, ob wir künstliche Intelligenz vor allem dazu einsetzen, menschliche Arbeit einzusparen, Konsum zu steigern und Aufmerksamkeit noch präziser zu vermarkten, oder ob wir damit Bildung verbessern, medizinische Versorgung zugänglicher machen, belastende Tätigkeiten reduzieren und gesellschaftliche Teilhabe ermöglichen.
Dieselbe Technologie kann sehr unterschiedliche Folgen haben.
Doch während Unternehmen Milliarden investieren und technologische Tatsachen schaffen, beschäftigt sich die Gesellschaft häufig erst im Nachhinein mit deren Auswirkungen. Staaten versuchen, durch Wettbewerbsrecht, Datenschutz und neue Regeln für künstliche Intelligenz Einfluss zu nehmen. Aber globale Technologien halten sich nicht an nationale Grenzen, und demokratische Entscheidungsprozesse können mit der Geschwindigkeit wirtschaftlicher Innovation oft kaum Schritt halten.
Vielleicht besteht die eigentliche Gefahr nicht darin, dass Maschinen eines Tages intelligenter werden als Menschen. Sie könnte vielmehr darin liegen, dass wir immer leistungsfähigere Systeme entwickeln, ohne uns darüber verständigt zu haben, welchen gesellschaftlichen Zielen sie dienen sollen.
Wir bauen Maschinen, die uns das Denken erleichtern sollen, und überlassen die Frage, was aus unserem Denken wird, weitgehend jenen, die mit diesen Maschinen Geld verdienen.
Das ist kein Argument gegen technischen Fortschritt. Im Gegenteil. Gerade seine Möglichkeiten könnten helfen, einige der grössten Herausforderungen unserer Zeit zu bewältigen. Aber technischer Fortschritt ist noch kein gesellschaftlicher Fortschritt. Er schafft Möglichkeiten, keine Werte. Er beantwortet die Frage nach dem Machbaren, nicht jene nach dem Wünschbaren.
Die Industrialisierung zwang frühere Generationen, das Verhältnis zwischen Kapital und Arbeit neu zu ordnen. Arbeitsrechte, Sozialversicherungen und gesellschaftliche Mitbestimmung entstanden nicht automatisch mit den Maschinen. Sie mussten erkämpft, ausgehandelt und institutionell abgesichert werden.
Heute stehen wir möglicherweise vor einer vergleichbaren Aufgabe. Nur scheint diesmal nicht allein unsere Arbeitskraft zur Disposition zu stehen, sondern zunehmend auch unsere Aufmerksamkeit, unser Wissen und unsere Fähigkeit, selbstbestimmt Entscheidungen zu treffen.
Die eigentliche Leerstelle
Betrachtet man diese Entwicklungen gemeinsam, offenbart sich ein bemerkenswerter Widerspruch. Wir sind wohlhabender und haben Angst vor dem Abstieg. Wir sind freier und sehnen uns nach festen Regeln. Wir wissen mehr und verstehen uns selbst immer weniger. Wir sind weltweit vernetzt und fühlen uns zugleich einsam. Wir verlangen nach Veränderung und misstrauen jenen, die uns erklären, was sie kosten könnte.
Vielleicht liegt das Problem nicht darin, dass unsere Gesellschaft keine Antworten mehr hat. Sie hat sogar erstaunlich viele. Parteien präsentieren Programme, Unternehmen versprechen Innovationen, digitale Plattformen bieten Orientierung, traditionelle Bewegungen versprechen Ordnung und politische Radikale liefern Schuldige.
Nur passen diese Antworten immer weniger zu den Fragen, die uns tatsächlich beschäftigen.
Wir haben eine Gesellschaft geschaffen, die uns ungeahnte Möglichkeiten eröffnet, aber immer weniger gemeinsame Vorstellungen davon besitzt, wofür wir diese Möglichkeiten nutzen wollen. Die Wirtschaft produziert Wohlstand, doch sie kann uns nicht sagen, was ein gutes Leben ausmacht. Die Politik verwaltet Interessen, aber sie kann sich nicht darauf beschränken, ihre Widersprüche auszuhandeln. Die Technik erweitert unseren Handlungsspielraum, ohne uns die Verantwortung für seine Nutzung abzunehmen.
Wir haben gelernt, die Welt immer schneller zu verändern. Aber wir haben nicht im gleichen Tempo gelernt, miteinander zu leben.
Vielleicht erklärt das auch, weshalb uns die Vergangenheit plötzlich wieder so verlockend erscheint. Dort vermuten wir eine Ordnung, die wir in der Gegenwart vermissen. Dort glauben wir Antworten zu finden, die uns heute fehlen. Dabei übersehen wir gerne, dass die vermeintlich gute alte Zeit auch jene Ungerechtigkeiten und Abhängigkeiten enthielt, von denen wir uns mühsam befreit haben.
Die Vergangenheit kann uns erklären, wie wir geworden sind, was wir heute sind. Sie kann uns aber nicht sagen, was wir morgen sein sollten.
Die Frage nach morgen
Unsere Eltern und Grosseltern hatten eine Vorstellung davon, was Fortschritt bedeuten sollte. Ihre Kinder sollten es einmal besser haben. Sie sollten weniger Mangel leiden, mehr Sicherheit geniessen und grössere Freiheiten besitzen. Diese Vorstellung war unvollkommen, gelegentlich naiv und keineswegs für alle Menschen gleichermassen erreichbar. Aber sie hatte eine Kraft, die uns heute fehlt.
Was könnten wir unseren Kindern versprechen?
Noch mehr Konsum? Noch höhere Produktivität? Noch intelligentere Maschinen? Ein Leben, in dem sie möglichst effizient arbeiten, möglichst erfolgreich konkurrieren und ihre Persönlichkeit ständig weiter optimieren?
Oder haben wir vielleicht etwas Wesentliches übersehen?
Wir sprechen unaufhörlich über die Zukunft, aber meistens darüber, wovor wir uns fürchten müssen. Wir diskutieren, wie wir unseren Wohlstand bewahren, unsere Grenzen sichern, unsere Energieversorgung gewährleisten und unsere Wirtschaft wettbewerbsfähig halten können. Alles wichtige Fragen. Doch sie beschreiben vor allem, was wir nicht verlieren wollen.
Wo bleibt die Vorstellung dessen, was wir gewinnen könnten?
Eine Gesellschaft kann sich nicht ewig damit begnügen, ihren gegenwärtigen Zustand gegen eine befürchtete Verschlechterung zu verteidigen. Irgendwann muss sie wieder eine Antwort auf die Frage finden, weshalb es sich lohnt, gemeinsam etwas Neues zu wagen.
Vielleicht stehen wir heute an einem ähnlichen Punkt wie jene Generationen, die mit der Industrialisierung eine völlig neue gesellschaftliche Ordnung vorfanden. Auch sie mussten lernen, mit Möglichkeiten umzugehen, für die ihre bisherigen Institutionen und Wertvorstellungen nicht geschaffen waren. Auch sie konnten nicht einfach in die Vergangenheit zurückkehren. Sie mussten neue Antworten entwickeln.
Wir verfügen heute über Mittel, von denen diese Generationen nicht einmal zu träumen wagten. Aber die entscheidende Frage ist dieselbe geblieben. Was wollen wir aus unseren Möglichkeiten machen?
Ich kann mich nicht erinnern, jemals in einer besseren Zeit gelebt zu haben als heute. Gerade deshalb erscheint es mir so widersinnig, dass wir uns die Zukunft nur noch als Bedrohung vorstellen können.
Vielleicht ist die eigentliche Krise unserer Zeit nicht, dass wir keine bessere Zukunft mehr schaffen könnten. Sondern dass wir aufgehört haben, uns eine vorzustellen.