Gedanken zur festlichen Zeit 2019/2020

Der Mensch, und zwar jeder einzelne, ist unumstritten ein Wunder der Natur aber dies wird allgemein überbewertet. Das eigentliche Wunder ist nämlich die Natur selbst. Beim Betrachten des Sternenhimmels an einem klaren Abend, stellen sich mir erneut und immer wieder die Fragen: Was hält denn das Universum zusammen? Was schafft Klima? Was macht Leben auf einem Planeten erst möglich? - Zusammengefasst ist es das Wunder der Natur. Und ein Teil dieses Wunders ist die Energie, welche einfach da ist, und sich ohne Zutun des Menschen unaufhörlich erneuert.

Wir Menschen haben die Gewohnheit, Dinge zu separieren und isoliert zu erforschen. Wir erkunden dann unter Laborbedingungen um Erkenntnisse über Regelmässigkeiten und Repro-duzierbarkeit zu gewinnen. Dies gilt für alle Wissenschaften, denn unser Hirn kann gar nicht ganzheitlich analysieren, weil unsere Sinne unwandelbar, nur einen kleinen Teil der Schöpfung wahrnehmen und verarbeiten können. Vielleicht ist es auch ein wenig dieser Beobachtung geschuldet, dass viele Menschen immer wieder lieber einfach formulierten Geschichten mit scheinbar heilsbringenden Versprechen folgen und dabei einen Glauben an «das Richtige zu tun» entwickeln.

Das Richtige tun

Im Glauben «das Richtige zu tun» haben wir Menschen in der Geschichte schon einigen schädlichen Einfluss auf unsere Umwelt genommen. Ich denke an die Begradigung von Flussläufen, welche später aufwändig renaturiert werden mussten. Oder die Abholzung von Regenwald, wie in der Dokumentation «Das Salz der Erde 2014» von Wim Wenders über das Schaffen von Sebastião Salgado, der 2019 mit dem Friedenspreis ausgezeichnet wurde. Er und seine Frau zeigen auf, dass man eine so entstandene Wüste renaturieren kann.
Ich denke aber auch an die Rassentheorien des zwanzigsten Jahrhunderts.
Rassismus ist eine Gesinnung oder Ideologie, nach der Menschen aufgrund weniger äußerlicher Merkmale – die eine bestimmte Abstammung vermuten lassen – als „Rasse“ kategorisiert und beurteilt werden. Die zur Abgrenzung herangezogenen Merkmale wie Hautfarbe, Körpergröße oder Sprache – umstrittener Weise teilweise auch kulturelle Merkmale wie Kleidung oder Bräuche – werden als grundsätzlicher und bestimmender Faktor menschlicher Fähigkeiten und Eigenschaften gedeutet und nach Wertigkeit eingeteilt. Dabei betrachten Rassisten alle Menschen, die ihren eigenen Merkmalen möglichst ähnlich sind, grundsätzlich als höherwertig, während alle anderen (oftmals abgestuft) als geringerwertig diskriminiert werden. Mit solchen Rassentheorien, die angeblich wissenschaftlich untermauert sind, wurden und werden diverse Handlungen gerechtfertigt, die den heute angewandten allgemeinen Menschenrechten widersprechen. (Wikipedia)
Es gab sie immer schon, die Unterdrückung einzelner Völker und deren Ausbeutung. Aber wissenschaftliche Klassifikationen als Rechtfertigung für einen bestimmten Typ Menschen, sich über die anderen zu erheben, so wie sie Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts erarbeitet wurden, ist schlicht die Ignoranz der Schöpfung an sich. Es gibt ihn nicht, den Übermenschen. Und ich höre, wie mir viele sagen werden, «aber das ist doch Schnee von gestern». Und dann erinnere ich mich an angezündete Asylheime an die Attentate der NSU, an Utøya und an Christchurch. Und ich erinnere mich an die Büchnerpreis-Dankesrede von Lukas Bärfuss. Als er feststellte, dass es im Jahr 1943 7'700'000 Nationalsozialisten gab und bis heute nur knapp 10'000 jemals vor Gericht standen. Wir sollten uns nicht über ein neues Phänomen wundern. - Sie waren gar nie weg! - Sie sind immer noch unter uns. Und der Glaube, dass Juden schlecht sind, ist immer noch weit verbreitet. Und der Glaube, dass Muslime die Weltherrschaft wollen und bereit sind dafür alle Ungläubigen zu töten, ist alltäglich. Und das Menschen mit anderer Hautfarbe stinken, ist auch noch nicht gestorben. Die Nächstenliebe und die Vergebung, könnte ein Ansatz sein «das Richtige zu tun». Bemerkung am Rand: Heute werden ungeliebte Volksgruppen unter den Sammelbegriffen Terroristen und Staatsfeinde kategorisiert und zusammengefasst. z.B. Palästinenser, Kurden, Uiguren etc.
Silvio Gesell 1895
Silvio Gesell - 1895
Während mein Glaube an die Kräfte der Natur ungebrochen ist, sind meine Zweifel an der These «der Markt soll es richten» umso grösser. Hier bin ich nicht bei der Mehrheit der Menschen, die an das Geld an sich oder was sich damit bewerkstelligen lässt glauben. Das Geld, so wie es heute gebraucht wird, ist ganz einfach eine Fehlentwicklung.

Im Wesentlichen bezahlen wir mit unserem Geld die Lebenszeit anderer Menschen. So ist bereits der Begriff Arbeitszeit zu hinterfragen. Es gibt keine Arbeitszeit. Es ist immer Lebenszeit. Aber mit Worten und Wortkonstruktionen werden in der Politik und in der Wirtschaft immer wieder Tatsachen vernebelt z.B. Kollateralschaden für zivile Opfer. Der Fehler am Geld ist, dass es keine natürliche Lebensbegrenzung hat, so wie alles in der Natur. Geld müsste sich bei Nichtgebrauch entwerten. Silvio Gesell hat mit seinem Buch «Die natürliche Wirtschaftsordnung durch Freiland und Freigeld» bereits 1916 Theorien dazu entwickelt. Und Michael Unterguggenberger praktizierte diese Theorien 1932 in Wörgl. Der Film Das Wunder von Wörgl erzählt eine auf einer wahren Begebenheit basierende Geschichte im Tirol des Jahres 1932 um eben dieses «Wunder von Wörgl». Während der Nationalsozialismus um sich greift, steht Wörgl vor dem Bankrott. Bürgermeister Michael Unterguggenberger gelingt es, die Gemeinde durch die Einführung des Schwundgeldes zu Wohlstand zu führen und die Arbeitslosigkeit gegen Null zu drücken.

Dies wäre vielleicht eine Antwort auf die aktuelle aggressive Wirtschaftsform, die ausschliesslich auf Wachstum und Optimierung basiert. Bereits 1972 veröffentlichte der Club of Rome (gegründet 1968) einen Bericht unter dem Titel «Grenzen des Wachstums» mit bis heute sehr zutreffenden Prognosen. Und es ist uns natürlich nicht entgangen, dass die heutige Ökonomie auf Wachstum und Gewinnmaximierung basiert. Wenn wir also für unser Klima oder auch für unser Wohlbefinden etwas tun wollten, so scheint mir die Ökonomie ein schlechter Berater zu sein. Benziner mit Elektro Autos zu ersetzen ist definitiv keine Lösung zum Schutz des Klimas.

Die Ökonomie ist auch die treibende Kraft hinter der industriellen Fleischproduktion und sie ist die treibende Kraft im politischen Alltag. Absurde Kreisläufe werden installiert, wie z.B. Rodung des Urwalds in Brasilien, um Soja als Futter für riesige Hühnerfabriken in China anzupflanzen. Neue Politische Projekte werden erst einmal auf ihre Wirtschaftlichkeit geprüft. Ist die gegeben, so sind Gesellschafts- und Umweltverträglichkeit mit Zertifikaten zu «kaufen». Hier politisch «das Richtige zu tun» könnte bedeuten, zuerst die Gesellschaftsverträglichkeit zu prüfen. Ist die gegeben, kann die Umweltverträglichkeit getestet werden. Und erst dann, wenn auch diese abgenommen wurde, sollte die Wirtschaftlichkeit geprüft und wenn gut, auch erst dann das Projekt genehmigt werden. Macht euch eigene Fallstudien, z.B. mit Themen wie Waffenlieferungen oder Atomkraftwerke oder Verhüllungsverbot.

Als Homo sapiens könnte man die Diskussionen rund um die Landwirtschaft als Beleidigung des eigenen Verstands auffassen. Wenn Bio «das Richtige tun» ist, müsste dies der Standard sein. Alles was von diesem Standard abweicht müsste teurer sein. Aber wir malen lieber glückliche Kühe mit idyllischen Landschaften auf die Verpackung der industrielle Billigproduktion und nehmen dem Bio-Konsumenten ein extra Geld für sein gutes Gewissen ab (Das erinnert mich entfernt an den Ablasshandel im Mittelalter, der mit ein auslösender Grund für die Reformation war). Können wir das auch anders denken und machen?
«Das Richtige tun» darüber denke ich nach. Schön wäre, wenn Gewissen und gewissenhaftes Handeln wieder grösseren Anteil in unserem Alltag ausmachten. Kurzfristiges Empören und weiter geht’s sind genauso misslich wie das ewige Festhalten an alten Zöpfen. Was wir brauchen sind Visionen für eine gemeinsame und friedliche Zukunft mit würdigen Bedingungen für alle Bewohner dieses Planeten, sind wir doch alles Erdlinge. Gegenseitiger Respekt und Bescheidenheit könnten Antworten sein, wenn wir ernsthaft daran denken, etwas zu verändern. Das Streben nach mehr, scheint unter diesen Gesichtspunkten zumindest überdenkenswert. Die Frage vor jedem Kauf, «brauche ich das?», wäre mehr als berechtigt.

«Das Richtige tun» ist schwer zu beschreiben und einfach anzuwenden. Man kann seinem Gewissen, der Stimme des Herzens angstfrei folgen, und man kann fürsorglich und respektvoll handeln. Man kann das, wenn man es zulässt. Und dann liebt man.

Ein frohes 2020

Hermann