Zum Hauptinhalt springen

Die drei Gesichter des Ichs

Wem muss ich eigentlich gefallen?

«Das merkwürdige Paradox ist, dass ich mich erst dann verändern kann, wenn ich mich so akzeptiere, wie ich bin.»
— Carl Rogers, On Becoming a Person (1961), sinngemäss übersetzt. [1]



Wer bin ich? Die Frage klingt harmlos. Bis man versucht, sie ehrlich zu beantworten. Wir kennen unseren Namen, unseren Beruf, unsere Herkunft. Wir können erzählen, was wir erreicht, versäumt und uns vorgenommen haben. Vielleicht wissen wir sogar, was andere von uns halten. Aber wer ist dieser Mensch, der all diese Geschichten über sich erzählt? Und wie viel davon stimmt?

Da ist zunächst der Mensch, der wir tatsächlich sind. Kein fertiges Kunstwerk, eher eine widersprüchliche Sammlung aus Talenten, Fehlern, Erinnerungen und schlechten Angewohnheiten. Daneben lebt der Mensch, der wir gerne wären. Er ist erfolgreicher, geduldiger, schöner, mutiger oder endlich so gelassen, wie wir es seit Jahren vorhaben. Und dann gibt es den dritten. Den Menschen, den andere in uns sehen – oder, noch tückischer, den wir in ihren Blicken zu erkennen glauben.

Die drei müssen keine Feinde sein. Unser Wunschbild kann uns antreiben, die Sicht anderer kann blinde Flecken aufdecken, und unser tatsächliches Ich gibt beiden etwas, woran sie sich messen lassen müssen. Doch was geschieht, wenn das Bild wichtiger wird als der Mensch? Dann führen wir nicht nur unser Leben. Wir arbeiten unablässig daran, als die richtige Version unserer selbst durchzugehen. Das ist anstrengend. Und es kann uns erstaunlich weit von uns selbst entfernen.

Vielleicht beginnt das Unglück nicht damit, dass uns etwas fehlt. Sondern damit, dass wir uns selbst irgendwann nicht mehr genügen. Wie viel von unserem Leben sind wir bereit herzugeben, um jemand zu werden, der wir vielleicht nie sein müssten?

Ich, der ich bin

Der Mensch, der ich bin, ist ein unbequemer Zeitgenosse. Er kennt meine guten Absichten, aber auch die Momente, in denen ich ihnen nicht gerecht geworden bin. Er erinnert mich an Talente und Schwächen, an Grosszügigkeit ebenso wie an Fehler, die sich nicht ungeschehen machen lassen. Ich kann an ihm arbeiten. Ich kann mich ändern, mich entschuldigen und Verantwortung übernehmen. Aber ich kann ihn nicht gegen eine makellose Neuausgabe eintauschen. Selbstakzeptanz heisst nicht, sich alles durchgehen zu lassen. Sie heisst, den eigenen Wert nicht auf den Tag zu verschieben, an dem endlich alle Fehler verschwunden sind.

«Erkenne dich selbst», hiess es am Heiligtum des Apollon in Delphi. Drei Wörter, die leichter in Stein zu meisseln sind, als ihnen zu folgen. Denn wer sich wirklich erkennen will, muss auch dort hinsehen, wo er lieber wegschauen würde. Man muss unterscheiden lernen zwischen dem, was einem wichtig ist, und dem, was man bloss deshalb anstrebt, weil andere es bewundern. Manchmal ist die ehrlichste Erkenntnis über uns selbst zugleich die unwillkommenste. [2]

Selbsterkenntnis ist freilich noch lange keine Versöhnung. Wir können unsere Fehler glasklar sehen und uns gerade deshalb dafür verachten. Es gibt Erinnerungen, die nicht blasser werden, bloss weil wir sie verstanden haben. Und es gibt Schuld, die sich nicht durch ein freundliches Wort zu sich selbst aus der Welt schaffen lässt. Wissen, wer man ist, und diesen Menschen dennoch annehmen können – dazwischen kann ein langer Weg liegen.

Ich weiss, wie lang dieser Weg werden kann. Nach einer tiefen Lebenskrise im Jahr 2014 hatte ich das Gefühl, einen unsichtbaren Stempel auf der Stirn zu tragen. Ein einziges Wort stand darauf. «Psycho». Niemand musste es aussprechen. Ich hörte es auch so. Vielleicht war es gar nicht das Urteil der anderen, sondern das, was ich ihnen unterstellte. Aber die Wirkung war dieselbe. Ich begann, mich durch einen fremden Blick zu betrachten, den ich selbst erfunden haben könnte. Aus der Angst, verurteilt zu werden, wurde ein Urteil über mich selbst.

Danach begann eine Auseinandersetzung, die weit härter war als die Krise selbst. Fehler erkennen und Verantwortung dafür übernehmen war schmerzhaft genug. Sich selbst dafür zu verzeihen erwies sich als beinahe unmöglich. Auch ein schwerer Herzinfarkt musste erst überstanden werden. Weitere zwei Jahre vergingen, ehe ich begriff, dass ich die dunklen Seiten meiner Geschichte nicht einfach von mir abtrennen konnte. Sie gehörten zu mir. Ebenso wie die Fähigkeiten, die guten Absichten und all das, was mir an mir selbst noch liebenswert erschien. Es wäre bequem gewesen, nur eines davon gelten zu lassen. Aber es wäre nicht wahr gewesen.

Allmählich wurde mir klar, gegen wen ich eigentlich kämpfte. Nicht nur gegen die Erinnerung an das, was geschehen war. Ich kämpfte gegen ein Idealbild, dem ich nicht entsprochen hatte. Ich verurteilte den wirklichen Menschen, weil er nicht der Mensch gewesen war, der er meiner Vorstellung nach hätte sein sollen. Die Fehler blieben. Ihre Folgen auch. Aber musste ich mich deshalb für alle Zukunft auf sie reduzieren?

Der schwerste Verzicht meines Lebens hatte nichts mit Geld, Besitz oder einer unerfüllten Sehnsucht zu tun. Ich musste auf die Vorstellung verzichten, jemand gewesen zu sein, der ich nicht war. Selbstvergebung bedeutete nicht, meine Vergangenheit schönzureden. Sie bedeutete, Verantwortung zu tragen, ohne mich selbst auf Lebenszeit zu verurteilen. Man kann die Vergangenheit nicht freisprechen. Aber man muss ihr auch nicht das Recht geben, über jeden künftigen Tag zu herrschen.

Es gab keine Erleuchtung, kein wundersames Ende aller Zweifel. Das hätte ich mir gewünscht. Stattdessen gab es viele kleine, mühsame Schritte. Irgendwann konnte ich dem Menschen, der ich war, wieder mit Nachsicht begegnen. Und irgendwann sogar mit Liebe. Nicht, weil die Fehler verschwunden wären. Sondern weil ich aufgehört hatte, meine ganze Lebensgeschichte auf sie zu verkürzen.

Wie anders derselbe Konflikt aussehen kann, zeigt das Leben des Franz von Assisi. Giovanni, um 1181 oder 1182 als Sohn des wohlhabenden Tuchhändlers Pietro di Bernardone geboren, hätte ein Leben führen können, um das ihn viele beneidet hätten. Er kannte Wohlstand, Ansehen und die Erwartungen einer erfolgreichen Familie. Nach Krieg, Gefangenschaft, Krankheit und einer langen inneren Wandlung schlug er dennoch einen Weg ein, den seine Umgebung kaum begreifen konnte. Er verzichtete auf sein väterliches Erbe und entschied sich für freiwillige Armut. [3]

Für Franziskus bedeutete dieser Verzicht weit mehr als die Ablehnung materiellen Reichtums. Er war Ausdruck einer religiösen Überzeugung, die ihn dazu führte, seine Freiheit nicht länger aus seinem Besitz oder seiner gesellschaftlichen Stellung abzuleiten. Er wollte sich ganz dem Glauben, seinen Mitmenschen und der Schöpfung zuwenden. Was für seinen Vater und seine Zeitgenossen wie der Verlust einer gesicherten Zukunft aussehen musste, verstand Franziskus als Befreiung von einer Lebensform, die nicht mehr seinen inneren Überzeugungen entsprach.

Man muss weder Franziskus' Glauben teilen noch seine Armut nachahmen, um den radikalen Kern dieser Entscheidung zu erkennen. Er gab nicht einfach Reichtum auf. Er sagte Nein zu einem Lebensentwurf, den andere für ihn vorgesehen hatten. Dabei sollten wir Armut nicht romantisieren. Materielle Sicherheit kann Freiheit ermöglichen, materielle Not kann sie zerstören. Die Pointe seines Lebens liegt für mich anderswo. Er fand den Mut, zwischen dem, was er haben konnte, und dem, was er sein wollte, zu unterscheiden.

Hier stossen wir auf den Unterschied zwischen haben wollen und sein wollen. Besitz kann Freude bereiten und Freiheit schaffen. Doch sobald wir unseren Wert aus ihm beziehen, braucht es immer neue Beweise. Das nächste Ziel, das nächste Zeichen von Erfolg, den nächsten Grund, stolz auf uns zu sein. Vielleicht beginnt innerer Friede nicht erst, wenn alle Wünsche erfüllt sind. Vielleicht beginnt er, wenn nicht mehr jeder unerfüllte Wunsch als Urteil über uns selbst gilt.

Ich, der ich gerne wäre

Es reicht ein Blick über den Gartenzaun, und schon ist die eigene Zufriedenheit in Gefahr. Der Nachbar hat das schönere Haus, die Kollegin den interessanteren Beruf, ein alter Schulfreund mehr Geld. Selbst wer sich gestern noch glücklich schätzte, kann heute plötzlich einen Mangel entdecken. Vergleiche sind nicht grundsätzlich schlecht. Sie inspirieren, wecken Ehrgeiz und zeigen Möglichkeiten. Gefährlich werden sie, wenn wir aus unterschiedlichen Lebenswegen eine Rangliste menschlichen Wertes machen.

Der dänische Philosoph Søren Kierkegaard beschäftigte sich intensiv mit der Frage, wie der Mensch zu sich selbst findet und woran er innerlich scheitern kann. Ein ihm häufig zugeschriebener Gedanke besagt sinngemäss, dass der Vergleich das Ende des Glücks und den Anfang der Unzufriedenheit markiere. Auch wenn dieser Wortlaut nicht als authentisches Zitat gesichert ist, beschreibt er eine Erfahrung, die vermutlich jeder kennt. Solange wir uns an unseren eigenen Möglichkeiten und Bedürfnissen orientieren, können wir mit dem Erreichten zufrieden sein. Beginnen wir dagegen, unseren Wert an den Erfolgen anderer zu messen, verschiebt sich unser Massstab unablässig. Es wird fast immer jemanden geben, der mehr besitzt, mehr erreicht hat oder in irgendeiner Hinsicht überlegen erscheint. [4]

Dabei verwechseln wir erstaunlich leicht Ziel und Mittel. Wir wollen ein Haus, um gut darin zu leben, und verbringen dann unsere freie Zeit damit, es zu unterhalten. Wir wünschen uns Wohlstand, damit wir unabhängiger werden, und übernehmen Verpflichtungen, die uns festhalten. Wir wollen Anerkennung, um uns wertvoll zu fühlen, und beginnen schliesslich, unser Leben nach dem Urteil anderer auszurichten. Ein Mittel, das Freiheit ermöglichen sollte, kann zur neuen Fessel werden. Nicht immer. Aber oft genug, um genauer hinzusehen.

Die Sozialwissenschaftlerin und Autorin Marianne Gronemeyer geht in ihrem Buch Die Macht der Bedürfnisse – Überfluss und Knappheit noch einen Schritt weiter. Sie stellt infrage, ob wir unsere Bedürfnisse tatsächlich so selbstbestimmt entwickeln, wie wir glauben. Ihre Überlegungen zeigen ein grundlegendes Paradox moderner Konsumgesellschaften: Wir gehen davon aus, dass die Wirtschaft unsere Bedürfnisse befriedigt, übersehen dabei aber leicht, dass sie auch neue Bedürfnisse hervorbringt und bestehende verstärkt. Was gestern noch als entbehrlicher Luxus galt, kann uns heute als unverzichtbarer Bestandteil eines guten Lebens erscheinen. [5]

Wir leben in einer Welt, die uns immer mehr Möglichkeiten anbietet und gleichzeitig immer neue Gründe liefert, uns unvollständig zu fühlen. Was gestern noch Luxus war, erscheint heute selbstverständlich. Aus dem Wunsch wird die Erwartung, aus der Erwartung der Anspruch. Die Rechnung ist einfach und unerbittlich. Kaum haben wir aufgeholt, wird die Ziellinie verschoben.

Kaufen kann dabei weit mehr sein als die Beschaffung eines nützlichen Gegenstands. Mit der Kleidung, die wir tragen, dem Auto, das wir fahren, oder den Geräten, die wir vorzeigen, erzählen wir auch eine Geschichte über uns selbst. Wir zeigen, zu wem wir gehören möchten, wovon wir uns abgrenzen und für welchen Menschen wir gehalten werden wollen. Die ARD-Tagesschau beschreibt Konsum ausdrücklich auch als Mittel der Bestätigung, Zugehörigkeit und Selbstdarstellung. [13] So wächst neben dem Menschen, der wir gerne wären, gleich noch eine kaufbare Version von ihm heran. Ein neues Produkt verspricht uns dann nicht nur einen Vorteil. Es soll beweisen, dass wir schon ein Stück näher an unserem Wunschbild sind.

Darin liegt die eigentliche Verführung. Wir erwerben etwas, das wir gebrauchen können, und hoffen gleichzeitig, damit etwas über unseren Wert als Mensch zu erfahren. Doch ein Gegenstand kann unseren Geschmack ausdrücken, niemals unseren Wert begründen. Wer sich selbst erst mit dem nächsten Kauf genügen will, gibt die Entscheidung darüber, wer er ist, an eine Welt ab, die ihm morgen schon wieder etwas Neues anbieten wird.

Manchmal liegt das Glück noch vor der Erfüllung. Wir planen eine Reise, stellen uns ein Wiedersehen vor oder träumen von etwas, das wir uns eines Tages leisten möchten. Während wir uns die Zukunft ausmalen, erleben wir bereits Freude. Nicht die Sache selbst macht uns in diesem Augenblick glücklich, sondern die Möglichkeit. Unser Kopf erzählt eine Geschichte, lange bevor die Wirklichkeit sie prüfen kann.

Diese Vorfreude ist ein eigenständiges Glücksgefühl. Sie braucht weder Besitz noch Gewissheit, dass sich unser Wunsch jemals erfüllen wird. Wird er Wirklichkeit, endet die Vorfreude auf dieses bevorstehende Ereignis. An ihre Stelle treten die Erfahrung und später die Erinnerung. Verzichten wir dagegen auf die Erfüllung, verblasst auch die Vorfreude mit der Zeit. Doch unsere Fähigkeit, uns an einer erhofften Zukunft zu erfreuen, bleibt bestehen. Ein neuer Wunsch, ein neuer Traum oder eine wiederkehrende Sehnsucht können sie erneut wecken.

Darin liegt eine unterschätzte Freiheit. Wir müssen nicht jeden Wunsch erfüllen, um durch ihn glücklich geworden zu sein. Eine Vorfreude war nicht umsonst, bloss weil aus dem Traum kein Kaufvertrag wurde. Mancher Wunsch gewinnt sogar dadurch, dass wir ihn nicht sofort einlösen. Er darf eine Möglichkeit bleiben, statt in eine weitere Verpflichtung überzugehen.

Auch der Kauf selbst kann ein Hochgefühl auslösen. Man entdeckt etwas, entscheidet sich, bezahlt und trägt für einen Augenblick das angenehme Gefühl nach Hause, sich etwas gegönnt zu haben. Doch gerade dieses Glück erweist sich häufig als kurzlebig. Der Psychologe Jens Förster erklärt in einem Beitrag der ARD-Tagesschau, wie rasch der Reiz des Einkaufens verfliegen kann, während Erlebnisse durch Erinnerungen länger nachwirken können. [13] Daraus folgt kein Verbot schöner Dinge. Aber es lohnt sich, zwischen der Freude an einer Anschaffung und jener Zufriedenheit zu unterscheiden, die auch dann noch bleibt, wenn das Neue längst selbstverständlich geworden ist.

Vielleicht besteht ein Teil der Lebenskunst darin, Wünsche haben zu dürfen, ohne sich von ihnen beherrschen zu lassen. Wir müssen weder unsere Träume aufgeben noch sie um jeden Preis verwirklichen. Wir dürfen sie geniessen, solange sie uns begleiten, und sie wieder loslassen, wenn ihre Zeit vorüber ist. Denn nicht jeder unerfüllte Wunsch ist ein Mangel und nicht jede unterlassene Anschaffung ein Verlust.

Vorfreude braucht keinen Besitz. Sie ist bereits ein Stück Glück.

Wie weit wir uns von früheren Lebensverhältnissen entfernt haben, zeigt schon ein Blick in unsere Schränke. Um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert besassen viele einfache Haushalte nur einen Bruchteil dessen, was sich heute in unseren Wohnungen ansammelt. Möbel, Kleidung, Geräte und Werkzeuge waren kostbar, wurden repariert, weitergegeben und oft über Generationen genutzt. Ein durchschnittlicher deutscher Haushalt besass vor rund hundert Jahren laut einem ARD-Tagesschau-Beitrag etwa 180 Gegenstände. Für durchschnittliche europäische Haushalte nennt derselbe Beitrag, ebenso wie SRF bereits 2014, eine Grössenordnung von rund 10'000 Gegenständen. [12] [13] Die historische und die heutige Angabe beziehen sich auf unterschiedliche geografische Räume; ihre statistische Herleitung ist in den journalistischen Beiträgen nicht vollständig dokumentiert. Dennoch zeigen sie anschaulich, wie sehr sich unser Verhältnis zum Besitz verändert hat. Ein Ausdruck unseres gewachsenen Wohlstands, gewiss. Aber auch ein Wandel, der eine Frage aufwirft, die im Schaufenster selten gestellt wird. Was verlangt ein Gegenstand von uns, sobald wir ihn besitzen?

Ein Besitzstück hat selten nur einen Kaufpreis. Das Auto muss gewartet, das Haus unterhalten, der Garten gepflegt und das Gerät aktualisiert werden. Kleidung will gewaschen, Geschirr gereinigt, alles irgendwann verstaut, sortiert oder entsorgt sein. Auch das Unbenutzte kostet Raum und Aufmerksamkeit. Manchmal kaufen wir uns mit einem Gegenstand nicht nur eine Möglichkeit. Wir kaufen uns eine Aufgabe.

Wer einmal einen Haushalt aufgelöst hat, kennt den ernüchternden Blick auf ein ganzes Leben aus Dingen. Jeder Gegenstand wurde irgendwann angeschafft, weil er nützlich, schön oder unverzichtbar erschien. Nun steht er da und verlangt eine letzte Entscheidung. Behalten? Verschenken? Wegwerfen? Zwischen Erinnerungen und belanglosem Gerümpel wird spürbar, wie viel Aufmerksamkeit in Gegenstände geflossen ist, deren Bedeutung längst verschwunden war.

Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht, wie viele Dinge ein Mensch besitzen darf. Sie lautet vielmehr, wie viel seines Lebens er bereit ist, für seinen Besitz einzusetzen. Wer ein grosses Anwesen liebt und Freude an dessen Pflege hat, muss diese Zeit keineswegs als verloren betrachten. Wer sich dagegen ein Anwesen vor allem deshalb wünscht, weil es Erfolg und gesellschaftliches Ansehen verkörpert, läuft Gefahr, zum Verwalter seines eigenen Statussymbols zu werden.

Wir besitzen unsere Dinge nicht nur. In gewissem Sinne nehmen diese Dinge auch uns in Besitz.

Der Markt, der niemals schläft

Niemand muss uns sagen, dass Werbung etwas verkaufen will. Interessanter ist, was sie inzwischen verkauft. Nicht nur ein Auto, sondern Freiheit. Nicht bloss eine Uhr, sondern Erfolg. Nicht eine Creme, sondern Jugend. Und nicht einfach ein Telefon, sondern die Aussicht, endlich wieder auf der Höhe der Zeit zu sein. Ein Produkt wird zur Verheissung, der Kauf zum kleinen Versprechen auf ein besseres Ich.

Werbung will unsere Aufmerksamkeit, und zwar am liebsten sofort. Jetzt bestellen. Nur heute. Andere sind schon dabei. Warum noch warten? Sie flüstert, drängt, schmeichelt und schlägt Alarm. Sie hat für fast jeden Wunsch eine Lösung – und für fast jede Lösung einen neuen Wunsch. Wer sich eben noch vollkommen ausreichend fühlte, kann nach dreissig Sekunden Werbung überzeugt sein, dringend etwas ändern zu müssen.

Dabei hat die Werbung ein fragwürdiges Verhältnis zur Wahrheit. Sie muss nicht unbedingt lügen, um uns in die Irre zu führen. Es genügt, die Wirklichkeit geschickt auszuwählen, Vorteile hervorzuheben, Nachteile zu verschweigen und Hoffnungen zu wecken, die ein Produkt niemals erfüllen kann. Wir sehen glückliche Menschen, makellose Körper, erfolgreiche Familien, sorglose Ferien und ein Leben voller Möglichkeiten. Die Mühen des Alltags, die Sorgen, die Enttäuschungen und die unvermeidlichen Unvollkommenheiten menschlicher Existenz bleiben ausserhalb des Bildes. Nicht unbedingt, weil sie geleugnet werden, sondern weil sie sich schlechter verkaufen lassen.

Man sollte Werbung nicht einfach mit Fake News gleichsetzen. Aber sie hat uns an eine Kommunikation gewöhnt, deren Massstab weniger die ganze Wahrheit als die gewünschte Wirkung ist. Man muss nicht lügen, um irrezuführen. Es genügt, das Passende auszuwählen, das Unpassende wegzulassen und die richtigen Gefühle anzusprechen. Genau diese Techniken begegnen uns heute in weit grösserem Massstab – auch dort, wo längst nichts mehr als Werbung gekennzeichnet ist.

Dabei ist die ständige Gegenwart der Werbung eine vergleichsweise junge Erscheinung. Als 1965 in der Schweiz die Fernsehwerbung eingeführt wurde, war ihre Dauer zunächst auf zwölf Minuten täglich begrenzt. An Sonn- und Feiertagen war sie verboten. Diese Einschränkung fiel erst 1992. Ich erinnere mich noch an eine Zeit, in der es selbstverständlich war, dass die Werbung irgendwann aufhörte. Es gab Zeiten, in denen zumindest das Fernsehen dem Markt eine Pause auferlegte. [7]

Heute schweigt der Markt kaum noch. Er sitzt mit uns am Frühstückstisch, begleitet uns im Zug, unterbricht die Nachrichten und liegt abends neben dem Bett. Er beobachtet, worauf wir klicken, erinnert an vergessene Warenkörbe und schlägt vor, was uns als Nächstes gefallen könnte. Kaum ist ein Bedürfnis befriedigt, meldet sich das nächste. Die Werbung ist nicht mehr die Unterbrechung des Alltags. Sie ist für viele zum dauernden Hintergrundgeräusch geworden.

Und immer geht es um etwas, das uns noch fehlt.

Wir bezahlen dafür nicht nur mit Geld. Hinter jedem verdienten Batzen steckt meist ein Stück Lebenszeit. Dazu kommen die Minuten, in denen wir vergleichen, überlegen, suchen, bestellen, reklamieren und schliesslich verwalten, was wir gekauft haben. Die eigentliche Rechnung ist länger als der Preis auf dem Etikett. Man müsste manchmal nicht fragen, ob man sich etwas leisten kann. Sondern ob man sein Leben dafür einsetzen möchte.

Vielleicht ist es deshalb an der Zeit, dem unablässigen Werben um unsere Aufmerksamkeit etwas entgegenzusetzen. Nicht noch mehr Eile. Nicht noch mehr Selbstoptimierung. Nicht die nächste Methode, mit der wir in kürzerer Zeit noch mehr erreichen können.

Sondern Ruhe. Keine weitere Methode, um noch produktiver zu werden. Keine Pause, die sich dadurch rechtfertigen muss, dass wir hinterher wieder mehr leisten können. Einfach einmal nichts.

Eine Ruhe, die nichts von uns verlangt. Die keinen Erfolg verspricht und keine Verbesserung unserer Persönlichkeit voraussetzt. Eine Zeit, in der wir nicht leisten, vergleichen oder konsumieren müssen. In der wir nicht daran arbeiten, jemand anderes zu werden, sondern einfach der Mensch sein dürfen, der wir sind.

Müssiggang klingt inzwischen fast wie ein Vorwurf. Dabei ist das bewusste Nichtstun etwas anderes als Erschöpfung. Ein Spaziergang ohne Ziel, ein Gespräch ohne Blick auf die Uhr, ein Nachmittag, an dem nichts abgehakt werden muss. Solche Augenblicke sind nicht deshalb wertvoll, weil sie uns für den nächsten Arbeitstag leistungsfähiger machen. Ihr Wert besteht gerade darin, dass sie keinem Zweck dienen müssen.

Solche Stunden erscheinen in einer auf Leistung und Verwertung ausgerichteten Gesellschaft beinahe verdächtig. Wir könnten die Zeit doch sinnvoller nutzen, etwas erledigen, etwas lernen, etwas verbessern. Selbst unsere Erholung soll möglichst effizient sein, damit wir anschliessend wieder leistungsfähiger werden. Dabei liegt gerade im zweckfreien Müssiggang eine Freiheit, die sich jeder wirtschaftlichen Verwertung entzieht. Sein Wert besteht nicht darin, dass er uns produktiver macht. Sein Wert liegt darin, dass wir für einen Augenblick nicht produktiv sein müssen.

Inzwischen lässt sich selbst aus dem Verzicht ein neues Idealbild formen. Minimalismus verspricht Übersicht, Leichtigkeit und Freiheit von unnötigem Besitz. Doch auch diese Lebensform kann zur Bühne für das Wunsch-Ich werden. Dann sollen nicht nur unsere Dinge, sondern sogar unsere leeren Regale beweisen, wie bewusst, geschmackvoll und überlegen wir leben. Die Soziologin Birgit Blättel-Mink weist darauf hin, dass vermeintlicher Konsumverzicht oft bloss eine Verschiebung des Konsums ist. Wer zehn preiswerte Kleidungsstücke durch drei kostspielige ersetzt, hat nicht zwangsläufig seine Abhängigkeit von Besitz oder Anerkennung überwunden. [13]

Es wäre ein seltsamer Sieg über den Konsum, wenn wir nun auch noch die Kunst des Verzichtens konsumieren müssten. Aktiver Verzicht bemisst sich nicht an der Zahl unserer Gegenstände und schon gar nicht daran, wie eindrucksvoll wir unsere Bescheidenheit darstellen. Er beginnt dort, wo wir erkennen, dass wir etwas nicht brauchen – auch nicht, um anderen zu beweisen, dass wir es nicht brauchen.

In der Stille verliert das Dringliche manchmal seine Bedeutung. Die Wünsche, die uns eben noch unentbehrlich erschienen, werden kleiner. Wir beginnen zu unterscheiden zwischen dem, was wir wirklich benötigen, und dem, was nur unsere Aufmerksamkeit gefordert hat. Und vielleicht entdecken wir dabei, dass uns nicht so viel fehlt, wie man uns glauben machen möchte.

Aktiver Verzicht kann hier bedeuten, dem Markt einen Teil unseres Lebens bewusst zu entziehen. Das Smartphone beiseitezulegen, einen Kaufwunsch ruhen zu lassen oder sich einen Tag zu gönnen, an dem nichts erreicht werden soll. Nicht als weitere Übung zur Selbstoptimierung, sondern als Ausdruck persönlicher Freiheit.

Vielleicht müssen wir nicht ständig mehr aus unserem Leben machen. Vielleicht sollten wir ihm gelegentlich einfach Platz lassen.

Ich, wie die anderen mich sehen

Der dritte Spiegel ist der gefährlichste. Nicht, weil die anderen immer unrecht hätten, sondern weil wir so wenig Einfluss darauf besitzen, was sie in uns sehen. Schon lange vor dem Smartphone wollten Menschen schön, angesehen und begehrt sein. Im alten Ägypten verwendeten Frauen und Männer Kosmetik, in vielen Epochen zeigte Kleidung den gesellschaftlichen Rang, und eine helle Haut galt mancherorts als Zeichen dafür, dass jemand nicht draussen arbeiten musste. Schönheit war nie nur Geschmack. Oft war sie ein Ausweis von Zugehörigkeit und Macht.

Doch wie nahm ein Mensch sein eigenes Aussehen wahr, als es noch keine Spiegel in jedem Haus gab? Natürlich war man auch damals nicht vollständig auf die Beschreibungen anderer angewiesen. Ruhiges Wasser, poliertes Metall und später Glasspiegel ermöglichten die Betrachtung des eigenen Gesichts. Spiegel aus bearbeitetem Metall waren bereits in frühen Hochkulturen bekannt. Ein modernes, klares und jederzeit verfügbares Spiegelbild war für die meisten Menschen jedoch über lange Zeit keine Selbstverständlichkeit.

Man stelle sich vor, wie anders die Beziehung zum eigenen Äusseren gewesen sein muss. Wer sein Gesicht nur gelegentlich und vielleicht verzerrt in einer spiegelnden Oberfläche erkannte, konnte es nicht mit derselben Genauigkeit und Häufigkeit kontrollieren wie wir heute. Das eigene Erscheinungsbild war zu einem erheblichen Teil etwas, das andere Menschen wahrnahmen. Möglicherweise war die eigene Schönheit deshalb weniger Gegenstand fortwährender Selbstbeobachtung. Das bedeutet freilich nicht, dass frühere Menschen weniger eitel oder zufriedener gewesen wären. Auch ohne Spiegel konnte man wissen, wer als schön galt, wer bewundert wurde und wer sich gesellschaftlicher Anerkennung erfreute. Der Blick der anderen war schon damals ein mächtiger Spiegel.

Wie gefährlich ein Spiegel werden kann, wusste schon die Antike. Im Mythos von Narziss, den Ovid in seinen Metamorphosen erzählt, betrachtet ein aussergewöhnlich schöner Jüngling sein Bild im Wasser. Er verliebt sich in die Gestalt, die ihm entgegenblickt, und erkennt zunächst nicht, dass er sich selbst sieht. Was er begehrt, kann er nicht erreichen. Er verzehrt sich an einer Oberfläche. [8]

Narziss ist nicht einfach zu eitel. Er verwechselt ein Bild mit einem Menschen. Gerade darin wirkt die alte Geschichte unheimlich modern. Wir können unser Gesicht aufnehmen, glätten, beleuchten, filtern und in Sekundenschnelle Hunderten Menschen zeigen. Der Wasserspiegel ist nicht verschwunden. Wir haben ihn perfektioniert, in die Hosentasche gesteckt und mit einer Kommentarfunktion versehen.

Eine literarische Fortsetzung dieses Gedankens findet sich in Oscar Wildes Roman Das Bildnis des Dorian Gray, der 1890 erstmals veröffentlicht wurde. Der junge Dorian ist von aussergewöhnlicher Schönheit. Als ein Maler sein Porträt anfertigt, wird ihm schmerzlich bewusst, dass seine Jugend vergänglich ist, während das Bild seine Schönheit bewahren wird. In einem folgenschweren Wunsch verlangt er, dass nicht er selbst, sondern sein Porträt altern möge. Und tatsächlich bleibt Dorians äussere Erscheinung unverändert, während das Bild mit jedem Jahr und unter dem Einfluss seiner moralischen Verfehlungen zunehmend entstellt wird. [9]

Dorian erhält damit etwas, wovon viele Menschen träumen: die dauerhafte Bewahrung seiner Jugend und Schönheit. Doch der scheinbare Triumph über die Vergänglichkeit entwickelt sich zu einem Gefängnis. Während andere weiterhin den schönen, jungen Mann bewundern, wird das verborgene Porträt zum Zeugnis dessen, was er tatsächlich geworden ist. Dorian muss es vor fremden Blicken verstecken, und je grösser der Abstand zwischen seiner Erscheinung und seinem inneren Zustand wird, desto bedrohlicher wird die Wahrheit, die das Bild offenbart.

Beide Geschichten erinnern uns daran, dass die äussere Erscheinung niemals mit dem ganzen Menschen gleichzusetzen ist. Das Bild kann bewundert, verändert und bewahrt werden. Doch es vermag nicht die Persönlichkeit zu ersetzen, die es darstellen soll.

Heute lässt sich das eigene Bild so gründlich bearbeiten, dass es dem wirklichen Gesicht nur noch entfernt ähnelt. Makel verschwinden, Falten werden geglättet, Proportionen verschoben. Daran muss nichts grundsätzlich Verwerfliches sein. Aber der Abstand zwischen der bearbeiteten Erscheinung und dem Menschen vor dem Badezimmerspiegel kann wachsen. Und irgendwann stellt sich eine unangenehme Frage. Wem soll das wirkliche Gesicht eigentlich noch genügen?

Es wäre allerdings zu einfach, daraus zu schliessen, die moderne Kosmetik oder die sozialen Medien seien die Ursache unserer Unzufriedenheit. Der Wunsch, schön zu sein, gehört ebenso zur menschlichen Kultur wie das Bedürfnis nach Anerkennung. Wer sich schminkt, schön kleidet oder sein Äusseres pflegt, muss damit keineswegs versuchen, jemand anderes zu sein. Die Freude an der eigenen Erscheinung kann ein selbstbestimmter Ausdruck der Persönlichkeit sein. Entscheidend ist vielmehr, weshalb wir es tun. Pflegen wir uns, weil wir Freude daran haben, oder weil wir fürchten, ohne diese Pflege nicht mehr zu genügen? Folgen wir einer Mode, weil sie uns gefällt, oder weil wir nicht auffallen möchten? Verändern wir unser Aussehen aus freiem Entschluss oder unter dem stillen Druck fremder Erwartungen?

Hier beginnt die dritte Form unseres Ichs, eine besondere Macht zu entfalten. Denn das Bild, das andere von uns haben, entsteht nicht allein durch unsere Erscheinung. Es wird auch durch unser Verhalten, unsere Worte, unsere Entscheidungen und unsere Haltung geprägt. Wir möchten als freundlich, erfolgreich, zuverlässig, attraktiv oder kompetent wahrgenommen werden. Das ist verständlich, denn wir Menschen sind soziale Wesen. Anerkennung schafft Zugehörigkeit, und die Meinung anderer kann uns wertvolle Hinweise auf unser eigenes Verhalten geben. Doch zwischen einem guten Rat und einer fremden Erwartung liegt ein wesentlicher Unterschied.

Wer uns wohlgesinnt ist, kann uns auf Fehler aufmerksam machen, die wir selbst nicht erkennen. Wer nur seine eigenen Vorstellungen bestätigt sehen möchte, wird dagegen versuchen, uns in eine bestimmte Richtung zu lenken. Beides kann sich ähnlich anhören. Deshalb ist nicht nur wichtig, was andere über uns sagen, sondern auch, weshalb sie es sagen und welche Bedeutung wir ihrem Urteil beimessen. Ein aufrichtiger Freund, der uns widerspricht, kann für unsere Entwicklung wertvoller sein als hundert Menschen, die uns Zustimmung schenken. Umgekehrt kann das Urteil einer anonymen Öffentlichkeit erstaunlich viel Gewicht erhalten, obwohl sie kaum etwas über unser tatsächliches Leben weiss.

In sozialen Medien begegnen wir oft nicht dem Leben anderer, sondern dessen sorgfältig ausgewählten Höhepunkten. Die Reise ohne Streit, das Lächeln ohne Müdigkeit, der Erfolg ohne die Rückschläge davor. Wir vergleichen also unsere ganze, unaufgeräumte Wirklichkeit mit fremden Schaufenstern. Und weil wir nicht schlechter dastehen möchten, richten wir selbst eines ein. Wir zeigen, was Zustimmung verspricht, und verbergen, was das Bild stören könnte. Die eigene Darstellung wird zur Arbeit. Bis wir uns fragen müssen, ob die Menschen uns mögen – oder die Figur, die wir ihnen vorspielen.

Die Frage lautet dann nicht mehr: Wer bin ich? Sondern: Wie muss ich sein, damit andere mich mögen?

Selbst Authentizität ist inzwischen zu einer Pose geworden. Man soll natürlich wirken, aber bitte auf die richtige Weise. Man will unverwechselbar sein und schaut sich bei anderen ab, wie das geht. Vielleicht zeigt sich ein wirklich eigenständiger Mensch nicht daran, dass er besonders auffällt. Vielleicht daran, dass er sich nicht mehr ständig zeigen muss.

Wenn die drei Ichs gegeneinander kämpfen

Es wäre bequem, einem der drei Ichs die Schuld zu geben. Aber wir brauchen sie alle. Das tatsächliche Ich hält uns auf dem Boden, das erträumte gibt unserem Leben Richtung, und der Blick anderer erinnert uns daran, dass wir nicht allein auf der Welt sind. Erst wenn eines die Herrschaft übernimmt, wird es gefährlich. Dann ist das, was wir sind, nie genug. Das, was wir werden wollen, nie erreicht. Und das, was andere von uns halten, plötzlich wichtiger als unser eigenes Urteil.

Besonders anstrengend wird es, wenn sich das Wunschbild und der fremde Blick verbünden. Wir wollen nicht nur besser sein, sondern auch so aussehen, als wären wir schon dort angekommen. Der eigene Zweifel muss verborgen, der Erfolg vorgeführt werden. Während wir uns selbst für unvollkommen halten, spielen wir vor anderen Vollkommenheit. Ein doppeltes Leben, das viel Kraft kostet.

Die Spannungen zwischen unseren Selbstbildern bleiben nicht immer auf das Gefühl beschränkt, unzufrieden oder unzulänglich zu sein. Sie können tief in unser Leben eingreifen, unsere Beziehungen belasten und unsere Gesundheit beeinträchtigen. Besonders deutlich wird dies in einer Gesellschaft, in der beruflicher Erfolg, Leistungsfähigkeit und wirtschaftliche Selbstständigkeit häufig nicht nur als erstrebenswerte Ziele, sondern beinahe als Voraussetzungen persönlicher Anerkennung erscheinen. Wir sollen erfolgreich sein, Verantwortung übernehmen, uns weiterentwickeln, belastbar bleiben und möglichst nie den Anschluss verlieren.

Oft braucht es nicht einmal jemanden, der Druck auf uns ausübt. Wir haben die Erwartungen längst verinnerlicht. Einem Freund würden wir Fehler verzeihen und nach einer Niederlage Mut zusprechen. Uns selbst begegnen wir mit einer Härte, die wir bei anderen für grausam hielten. Aus «Mir ist etwas misslungen» wird «Ich bin ein Versager». Ein kleiner sprachlicher Schritt, der einen gewaltigen Unterschied macht.

Wer seinen Wert ausschliesslich aus der Arbeit bezieht, setzt viel aufs Spiel. Eine Kündigung bedeutet dann nicht nur den Verlust eines Einkommens. Sie kann das Gefühl erschüttern, gebraucht zu werden, jemand zu sein. Eine geschäftliche Niederlage wird zur persönlichen Demütigung, das Karriereende zum Absturz aus der eigenen Identität. Kommen Existenzängste hinzu, schrumpft der Abstand zwischen einem gescheiterten Vorhaben und dem Gefühl, selbst gescheitert zu sein.

Solche Belastungen können zu chronischer Erschöpfung, Burn-out und psychischen Erkrankungen beitragen. Eine Depression lässt sich allerdings nicht einfach auf überhöhten Ehrgeiz oder gesellschaftlichen Leistungsdruck zurückführen. Sie ist eine ernsthafte Erkrankung, bei deren Entstehung biologische, psychologische und soziale Faktoren zusammenwirken. Ebenso ist ein Suizid niemals mit einer einzigen Enttäuschung oder einem einzelnen Misserfolg zu erklären. Dennoch dürfen wir nicht übersehen, dass anhaltender Stress, Existenzängste, erlebter Kontrollverlust und das Gefühl eigener Wertlosigkeit Menschen in schwere Krisen führen können. Im schlimmsten Fall kann die Verzweiflung so gross werden, dass sie keinen Ausweg mehr erkennen. Gerade deshalb ist es wichtig, psychische Krisen ernst zu nehmen, Hilfe zugänglich zu machen und den Wert eines Menschen nicht an seine Leistungsfähigkeit zu knüpfen. [10]

Nirgendwo wird die Verschmelzung von Mensch und Leistung so sichtbar wie im Spitzensport. Wir bewundern Jugendliche, die unzählige Stunden trainieren, verzichten, gewinnen und verlieren. Während Gleichaltrige ausgehen oder neue Interessen entdecken, ordnen sie ihren Alltag einem Ziel unter. Das kann grossartig sein. Es verlangt Disziplin, Mut und Ausdauer. Aber es ist nicht ohne Preis.

Doch diese aussergewöhnliche Konzentration auf ein Ziel hat möglicherweise ihren Preis. Wer von Kindheit an fast ausschliesslich darauf vorbereitet wird, in einer bestimmten Sportart erfolgreich zu sein, läuft Gefahr, seine gesamte Persönlichkeit mit dieser Aufgabe zu verbinden. Er ist nicht einfach ein Mensch, der hervorragend schwimmen, laufen oder Tennis spielen kann. Er wird zum Schwimmer, Läufer oder Tennisspieler, dessen Tagesablauf, gesellschaftliche Anerkennung und Selbstwertgefühl eng mit seinen sportlichen Leistungen verflochten sind.

Dann kommt der Tag, an dem der Wettkampf aufhört. Vielleicht freiwillig, vielleicht wegen einer Verletzung oder weil der Körper nicht mehr mitmacht. Der Trainingsplan fällt weg, das Publikum verstummt. Wer jahrelang als Schwimmer, Tennisspielerin oder Läufer gelebt hat, steht plötzlich vor einer Frage, auf die kein Trainingsprogramm vorbereitet. Wer bin ich, wenn ich nicht mehr antrete?

Nicht jeder Spitzensportler erlebt diesen Übergang als Krise. Viele finden neue Aufgaben, entdecken andere Interessen und gewinnen Freiheiten zurück, auf die sie während ihrer Karriere verzichten mussten. Doch gerade bei Menschen, deren gesamte Identität auf sportlichem Erfolg beruhte, kann das Karriereende mit Orientierungslosigkeit und Selbstzweifeln verbunden sein. Was sie im Sport so erfolgreich gemacht hat, die kompromisslose Konzentration auf ein einziges Ziel, kann ihnen beim Übergang in ein anderes Leben im Wege stehen. [11]

Wir feiern Menschen, die alles für ein Ziel geben. Aber wir fragen selten, was aus ihnen wird, wenn dieses Ziel erreicht ist – oder sich endgültig als unerreichbar erweist. Was blieb neben der Leistung? Welche Freundschaften, Interessen und anderen möglichen Leben fanden Platz? Die Frage betrifft nicht nur Athleten. Sie trifft Unternehmer, Führungskräfte und jeden Menschen, der irgendwann seine ganze Identität an eine einzige Rolle gebunden hat.

Diese Fragen stellen sich ebenso für Unternehmer, Führungskräfte und all jene, die einen grossen Teil ihres Lebens ihrer beruflichen Aufgabe widmen. Erfolg kann eine wunderbare Erfahrung sein. Er kann Sicherheit schaffen, Anerkennung bringen und das berechtigte Gefühl vermitteln, etwas Sinnvolles geleistet zu haben. Problematisch wird er nicht dadurch, dass wir ihn anstreben, sondern dadurch, dass wir ohne ihn nicht mehr wissen, wer wir sind.

Die Antwort kann nicht darin liegen, hohe Ziele grundsätzlich aufzugeben oder vor grossen Anstrengungen zurückzuschrecken. Ohne Ehrgeiz, Hingabe und Leistungsbereitschaft wären viele menschliche Errungenschaften undenkbar. Aber vielleicht müssen wir lernen, unsere Ziele als wichtigen Teil unseres Lebens zu begreifen, statt unser gesamtes Leben zu ihrem Diener zu machen. Es sollte möglich sein, einen Misserfolg zu erleben, ohne sich selbst als gescheitert zu betrachten. Und es sollte möglich sein, auf einen Erfolg zu verzichten, wenn der Preis dafür höher wird als sein Wert.

Wir dürfen an unseren Zielen scheitern. Wir sollten nur nicht zulassen, dass unsere Ziele darüber entscheiden, ob wir als Menschen gescheitert sind.

Wem muss ich eigentlich gefallen?

Wem muss ich eigentlich gefallen? Schon in der Frage steckt eine Falle. Natürlich leben wir nicht allein. Wir schulden anderen Rücksicht, Verlässlichkeit und die Bereitschaft, Fehler einzugestehen. Aber Verantwortung zu übernehmen ist etwas anderes, als sich nach jeder fremden Erwartung zu verbiegen. Nicht jeder, den wir enttäuschen, hat deshalb recht. Und nicht jede Zustimmung ist ein Kompliment.

Die drei Gesichter unseres Ichs werden uns ein Leben lang begleiten. Das tatsächliche Ich erinnert uns an unsere Möglichkeiten und Grenzen. Das Wunschbild kann uns antreiben, wachsen lassen und Mut machen. Im Blick der anderen erfahren wir, wie wir auf unsere Mitmenschen wirken. Keines dieser Bilder ist überflüssig. Nur darf keines von ihnen darüber entscheiden, ob wir als Mensch genügen. Sobald wir das vergessen, beginnen wir zu bezahlen. Nicht unbedingt mit Geld. Mit etwas Kostbarerem.

Ein Unternehmer kann alles daransetzen, sein Geschäft zu vergrössern, und dabei die Menschen aus den Augen verlieren, für die er es ursprünglich aufgebaut hat. Eine Mutter kann versuchen, allen Erwartungen an Familie und Beruf gerecht zu werden, bis kein Augenblick für ihre eigenen Bedürfnisse bleibt. Wer um jeden Preis bewundert werden will, hört irgendwann auf, sich zu fragen, ob ihm sein eigenes Leben überhaupt noch gefällt. Wir erreichen vielleicht, was wir uns vorgenommen haben. Aber was haben wir unterwegs dafür hergegeben?

Hier liegt der Verzicht, den wir so selten beim Namen nennen. Wir verzichten auf Ruhe, auf Zeit, auf Nähe und mitunter auf die Fähigkeit, uns selbst freundlich zu begegnen. Nicht weil wir uns bewusst dafür entschieden hätten, sondern weil ein vermeintlich wichtigeres Ziel stets den Vorrang erhält. Das ist passiver Verzicht. Er geschieht im Schatten unserer Wünsche und Erwartungen. Wir bemerken ihn oft erst, wenn eine Beziehung zerbrochen ist, die Gesundheit versagt oder wir im Spiegel jemanden sehen, dem wir fremd geworden sind.

Wir sprechen gerne von Freiheit, wenn wir die Wahl zwischen möglichst vielen Möglichkeiten haben. Mehr besitzen, mehr erleben, mehr erreichen. Doch was nützen uns hundert offene Türen, wenn wir glauben, durch jede einzelne gehen zu müssen? Eine Wahl ist erst dann wirklich frei, wenn wir auch Nein sagen können. Nicht aus Angst, nicht aus Resignation, sondern weil wir wissen, was uns wichtig ist. Die grössere Freiheit besteht nicht unbedingt darin, immer mehr wählen zu können. Sie besteht darin, auf etwas verzichten zu können, ohne sich dadurch weniger wert zu fühlen.

Dafür brauchen wir Selbsterkenntnis. Erst wer seine Wünsche prüft, kann unterscheiden, welche aus ihm selbst kommen und welche er übernommen hat. Will ich dieses Haus, weil ich darin leben möchte, oder weil es meinen Erfolg beweisen soll? Strebe ich nach dieser Position, weil mich die Aufgabe erfüllt, oder weil ich den Gedanken nicht ertrage, übergangen zu werden? Möchte ich schön sein, weil mir mein Äusseres Freude bereitet, oder weil ich ohne fremde Bewunderung an mir zweifle? Solche Fragen sind unbequem. Manchmal entlarven sie einen Wunsch, an dem wir jahrelang festgehalten haben. Aber sie geben uns etwas zurück, das wir im Rennen um Anerkennung leicht verlieren. Die Fähigkeit, selbst zu entscheiden.

Aktiver Verzicht ist deshalb keine Feindschaft gegenüber Besitz, Erfolg oder Genuss. Er ist die bewusste Entscheidung, etwas nicht zu verfolgen, weil anderes wertvoller ist. Ich kann eine berufliche Chance ausschlagen, um mehr Zeit für einen geliebten Menschen zu haben. Ich kann einen Kaufwunsch loslassen, weil ich den Gegenstand nicht wirklich brauche. Ich kann auf den Beifall einer Gruppe verzichten, wenn er mich dazu zwingt, gegen meine Überzeugungen zu handeln. Von aussen mag das wie ein Verlust aussehen. Für mich kann es ein Gewinn an Freiheit sein.

Diese Freiheit beginnt freilich nicht mit einer neuen Liste von Regeln, nach denen wir nun auch noch richtig verzichten müssten. Sie beginnt mit Aufmerksamkeit für das eigene Leben. Wer ständig einem besseren Ich hinterherjagt, kann den Menschen, der bereits da ist, leicht übersehen. Selbstreflexion, Selbstachtung und schliesslich Selbstliebe brauchen Raum. Sie wachsen schlecht in einem Leben, das restlos mit der Erfüllung fremder und eigener Erwartungen besetzt ist. Man kann so damit beschäftigt sein, etwas aus sich zu machen, dass man aufhört, mit sich selbst zu leben.

Der schwerste Verzicht bleibt für manche von uns jener auf die Idealvorstellung der eigenen Vergangenheit. Ich kenne das. Ich musste lernen, dass ich begangene Fehler weder rückgängig machen noch durch lebenslange Selbstverurteilung wiedergutmachen kann. Verantwortung zu übernehmen ist notwendig. Aber sie verlangt nicht, dass ich mich für immer auf den schlechtesten Abschnitt meines Lebens reduziere. Erst als ich bereit war, auf das Bild des Menschen zu verzichten, der ich rückblickend hätte sein sollen, konnte ich dem Menschen, der ich tatsächlich gewesen war, wieder begegnen. Ohne Ausflüchte. Aber auch ohne Hass.

Ein Spiegel kann uns zeigen, wie wir aussehen. Er kann nicht entscheiden, wer wir sind. Ein Ziel kann unserem Leben Richtung geben, aber es darf nicht unser ganzes Leben verschlingen. Und die Anerkennung anderer kann uns wärmen, ohne zum Massstab unseres Wertes werden zu müssen. Wir müssen unsere drei Ichs nicht zur völligen Übereinstimmung zwingen. Wir müssen lernen, mit ihnen zu leben, ohne uns von ihnen beherrschen zu lassen.

Darin liegt für mich der Sinn des bewussten Verzichts. Er schafft Platz für das, was dem Leben seinen Wert gibt. Nicht jeder Wunsch verdient seine Erfüllung. Nicht jede Erwartung unsere Unterwerfung. Und nicht jeder mögliche Erfolg den Preis, den wir dafür bezahlen müssten.

Wer auf das Unwesentliche verzichten kann, muss nicht auf sich selbst verzichten.


Quellen und weiterführende Literatur

Die Verweise belegen Zitate, historische Angaben und ausgewählte Forschungsergebnisse. Die persönlichen Erfahrungen und essayistischen Schlussfolgerungen sind eigene Gedanken und werden nicht als wissenschaftliche Tatsachen ausgegeben.

  1. Sylvia Keil, «Wenn ich mich so wie ich bin akzeptiere, dann ändere ich mich» (2003). Deutschsprachiger Fachaufsatz zum Ansatz von Carl Rogers; das Eingangszitat ist sinngemäss aus Rogers, On Becoming a Person (1961), übersetzt.
  2. Duden, «Erkenne dich selbst». Ursprung, Überlieferung und Bedeutung des delphischen Sinnspruchs.
  3. Franziskanische Gemeinschaft (OFS Bamberg), «Lebensdaten des hl. Franziskus von Assisi». Herkunft, Lebenswende und Verzicht auf das väterliche Erbe.
  4. Metzler Lexikon Philosophie, «Verzweiflung». Kierkegaards Verständnis von Selbstsein und Selbstverhältnis. Der ihm im Essay zugeschriebene Vergleichsspruch ist kein gesichertes wörtliches Zitat.
  5. Marianne Gronemeyer, Die Macht der Bedürfnisse – Überfluss und Knappheit; Werkverzeichnis der Autorin.
  6. Watson, «Wie die Zahl der Gegenstände in unseren Haushalten explodierte» (2025). Ergänzende journalistische Einordnung; keine unabhängige repräsentative Haushaltsinventur.
  7. Historisches Lexikon der Schweiz, «Fernsehen». Beginn der Fernsehwerbung 1965, anfänglich zwölf Minuten täglich; Sonn- und Feiertagswerbung ab 1992.
  8. Ovid, Metamorphosen, Buch III, Verse 339–510: «Narcissus und Echo» in deutscher Übersetzung von R. Suchier.
  9. literaturkritik.de, «Ein Klassiker der Weltliteratur – neu gelesen». Deutschsprachige Einordnung von Oscar Wildes Das Bildnis des Dorian Gray und seiner Ausgaben von 1890 und 1891.
  10. Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG), «Depression». Medizinisch geprüfte deutschsprachige Informationen zu biologischen, psychischen und sozialen Einflussfaktoren.
  11. Swiss Olympic, «Persönlichkeit und Identität». Deutschsprachige Erklärung, weshalb eine einseitig auf den Sport ausgerichtete Identität Karriereübergänge erschweren kann. Vertiefung: Universität Bern – Forschung zum Karriereende im Spitzensport.
  12. SRF, Madeleine Amberger, «Unser Leben platzt aus allen Nähten» (19.12.2014). Zur Grössenordnung von 10'000 Gegenständen und zum Besitztumseffekt.
  13. ARD-Tagesschau, Ilyas Mec und Sandra Scheuring, «Ich shoppe, also bin ich» (13.06.2021). Über Kaufglück, Konsum als Identitätsausdruck, Minimalismus und die Zahlen 180 bzw. 10'000 Gegenstände.

Weitere Artikel zum Thema